Samstag, 29. November 2014

Und, habt ihr nachgeholfen?

Als Mama von Zwillingen bin ich es gewöhnt, von fremden Mitmenschen angesprochen zu werden. Auf offener Straße, im Einkaufszentrum, im Warteraum, einfach überall.

Die Fragen nach dem Schlafentzug im ersten Lebensjahr, den Streitereien unter den Kindern, dem Arbeitsaufwand, der weiteren Familienplanung und der Anzahl der Eier, die an der Entstehung beteiligt waren, beantworte ich immer bereitwillig mit einem sympathischen Lächeln. Ich habe große soziale Kompetenzen, habe ich das schon mal erwähnt?

Vergangenen Mittwoch aber bekam ich das erste Mal DIE Frage gestellt. Die Frage, die man einem wildfremden Menschen eigentlich nicht stellt. Die Frage, die wohl vielen auf der Zunge liegt, wenn sie Zwillingseltern treffen. Da war also dieser Mann in der Kinderkrippe (nennen wir ihn PapaXY), der hinter mir die Treppe runter gehend genau DIE Frage lässig aus dem Ärmel schüttelte und sie mir regelrecht an den Kopf warf. So fühlte es sich zumindest an.

„Und? Ist das bei euch einfach so gegangen oder habt ihr nachgeholfen?“

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich großartige soziale Kompetenzen besitze? Diese verhinderten es, dass ich mit meinem Finger an meine Stirn tippte und mit einer Gegenfrage nach seinem Geisteszustand antwortete.

Nein, im Gegenteil. Äußerst freundlich stammelte ich (weil perplex und der Sprache nicht mehr hundert Prozent mächtig): „Ach das ist bei uns einfach so gegangen, wissen Sie, das liegt in der Familie, meine Großmutter und meine Urgroßmutter hatten schon, das zieht sich seit Generationen bei uns durch und ich eben auch, trotzdem war ich überrascht, und nein, nachgeholfen haben wir nicht, es ist einfach so gegangen, aber am Anfang war es schon ein Schock, ein schöner.“

Alles, was ich erntete, war ein irritierter, verständnisloser und mitleidiger Blick und: „Na, das ist ja eine tolle Sache. Dann hoffen wir, dass es bei uns auch bald klappt und er sich den Schnuller selbst abgewöhnt.“ Und draußen war er.

Da ging mir ein Licht auf. Es färbte meine Wangen rot und ließ mich in Grund und Boden schämen. Blöde soziale Kompetenzen. Blöde Freundlichkeit. Das nächste Mal frage ich nach.

Liebe Zwillingseltern, wenn ihr jemals nach dem Zeugungsvorgang eurer Zwillinge gefragt werdet, vergewissert euch bitte, ob nicht eventuell doch der Schnullerentzug gemeint ist.

Denn die Vorgeschichte zu dieser Begegnung ist jene:

Ich bringe meine schnullerfreien Söhne morgens in die Kinderkrippe. Gleichzeitig bringt PapaXY seinen mit Schnuller zugestöpselten Sohn in die Krippe und bewundert meine schnullerlosen Söhne. Er beklagt sich darüber, dass sein Sohnemann den Schnuller nicht hergeben möchte und möchte wissen, ob meine denn noch welche hätten. „Nein, die sind wir Gott sei Dank los“, erkläre ich. Wir bringen unsere Kinder in den Gruppenraum, plaudern kurz mit den Erziehern und gehen Richtung Garderobe. Den weiteren Verlauf der Geschichte kennt ihr nun ja.

Seitdem warte ich jeden Tag darauf, PapaXY in der Krippe wieder zu begegnen, um die Angelegenheit aufzuklären. Bisher lief er mir nicht über den Weg. Ich werde wohl vor der Tür mein Nachtlager aufschlagen müssen und ihm auflauern. Ich muss die Sache unbedingt ins Reine bringen, denn ich will doch nicht als sonderlich gelten...


Übrigens haben wir nachgeholfen. Die Schnullerfee, bei uns liebevoll "Zutzifee" genannt, bekam dann doch Zugang in unser Haus und schnappte sich alle auffindbaren Schnuller. Obwohl die Söhne das in einem an sie adressierten Email eigentlich zu verhindern versuchten...

16 Kommentare:

  1. Liebe Paula, Du bist mir sehr sympathisch *lach*
    Und immerhin wissen wir jetzt alle durch diese Begebenheit, dass ihr nicht nachgeholfen habt...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke :-)
      Und endlich konnte ich nebenbei etwas loswerden, was ihr alle immer schon ... ähm, eigentlich gar nicht wissen wolltet ;-)

      Löschen
  2. Haha - ich war bereit mit Dir all diese übergriffigen, unfassbar ungenanten Menschen zu verabscheuen!!! Aber das - ist viel besser. ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gell! Das finde ich auch. Deshalb musste ich es mit euch teilen.

      Löschen
  3. Ich musste wirklich herzlich lachen. Herrlich! Ich hatte ja nun, wie Mama Notes auch, eigentlich mit einer Hasstirade auf sämtliche blöd fragende Fremde gerechnet.
    Solche Missverständnisse passieren manchmal einfach - aber ich bin mir sicher, dass alle Beteiligten darüber schmunzeln können! :)

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, Hasstiraden gibt es doch auf meinem Blog nicht.
      Ich bin mehr für den Humor :-)

      Löschen
  4. Ich habe die Frage tatsächlich einmal sehr unmissverständlich (im wahrsten Sinne des Wortes) von einem Paketzusteller gestellt bekommen, als ich noch schwanger war. Danach erzählte er mir, dass seine Frau und er jetzt künstliche Befruchtungen machen, weil es auf natürlichem Wege nicht geklappt hat. Auf Twitter würde ich jetzt folgenden Hashtag verwenden: #dingedieichübermeinemitmenschennichtwissenwill

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da haben wir Glück. Unser Paketzusteller hüllt sich in Schweigen.
      Aber der Rauchfangkehrer hat Drillinge ...

      Löschen
  5. Kicher. Wobei deine Antwort sehr gut war, die mit den sich über Generationen ziehenden komischen Sache, einfach so. :)

    Viele Grüße!
    Christine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke. Ich bin berühmt für gute Antworten ;-)

      Löschen
  6. Herrlich! So aus dem Zusammenhang gegriffen hätte ich die Frage aber auch so vestanden. Und wahrscheinlich hätte ich an Deiner Stelle, den sozialen Kompetenzen sei Dank, wohl ähnlich gehandelt. ;-)
    Lieben Gruß, Wiebke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So kann es einem gehen, wenn man immer auf Friede, Freude, Eierkuchen aus ist ;-)

      Löschen
  7. Ach wie herrlich, hihi vermutlich wäre es mir ähnlich gegangen, aber wahrscheinlich denkt der arme Mann immer noch darüber nach, was Deine Grossmtter mit der ganzen Sache zu tun hat.... ich hätte gerne seinen Blick gesehen!!!!
    Lieben Gruss
    Tanja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Vermutlich wurde in der Zwischenzeit die Oma beauftragt, die Sache mit dem Schnuller in die Hand zu nehmen ;-)

      Löschen
  8. Danke für diesen großartigen Beitrag! Auch, weil ich mich dabei ertappt habe, dass ich genau das bereits einmal gedacht habe, was du ja als Frage auch erwartet hattest. Das heißt jetzt nicht, dass ich jedes Mal, wenn ich einfach mal zufällig eine Zwillingsmutter sehe, an die Umstände denke, unter denen sie wohl gezeugt worden sind. Doch einmal, ich war zu Besuch bei einer Freundin in einer anderen Stadt, da sind mir so unglaublich viele kleine Doppel-Zwerge begegnet, da hab ich meine Freundin gefragt: Na sag mal, habt hier hier eine besondere Fruchtbarkeitsklinik?!
    Aber die mir völlig unbekannten Damen hätte ich sicher nicht mit meinen intimen Fragen belästigt ;) Um so lustiger, dass es in deinem Falle ein Missverständnis war, eines zu unserer großen Belustigung ;)

    AntwortenLöschen
  9. Ein naheliebendes Missverständnis. Meine Zwillinge sind noch nicht mal auf der Welt, und ich kenne diese übergriffigen Fragen bereits gut! Als ich letztens in der Trafik meine Jahresvignette erwarb, fragte mich die Verkäuferin mit entsetztem Blick: "Na, nun ist es aber jeden Moment so weit bei Ihnen, oder???" Das bin ich gewöhnt und bleibe freundlich: "Nein, das dauert noch 8 - 10 Wochen. Es sind Zwillinge!" Darauf folgte (von einer mir wildfremden Frau) tatsächlich die Frage: "Und, haben sie die natürlich empfangen?"…. Ich war - LEIDER - sprachlos. Erst im Nachhinein fielen mir die frechen Antworten ein, die diese Frage verdient hätte.

    AntwortenLöschen