Dienstag, 4. November 2014

Such a perfect mother

Es scheint der Welt bekannt zu sein, dass ich eine unglaublich gute Mutter bin. Eventuell sogar die beste. Im Kreise ein paar anderer. Sogar Lucie Marshall, Autorin des Bestsellers „Auf High Heels in den Kreißsaal“ hat davon Wind gekriegt und mich via Twitter eingeladen, an ihrer Blogparade „Momsrock – Sie machen das wirklich gut“ teilzunehmen. Eine Blogparade in der Supermamas endlich mal von ihren Superfähigkeiten erzählen dürfen ist natürlich ein Must für mich ;-)

Da jedoch sämtliche von mir beherrschten Mama-Superfähigkeiten den Rahmen hier sprengen würden, habe ich nur einige herausgesucht und diese in eine schöne Geschichte mit dem Titel „Such a perfect day“ verpackt.



Such a perfect day

Ich bin Strohwitwe. Mein Mann befindet sich auf Urlaub von der Familie Dienstreise in einem malerischen Ort mit malerischem Namen, malerischem Fluss und malerischen Gebäuden und überlässt mich meinem Schicksal mit unseren beiden dreijährigen Jungs.

Um nach einem etwaigen nächtlichen Verlangen nach mir (ich spreche von den kleinen Quälgeisterchen) schnell wieder einschlafen zu können, richte ich mein Nachtlager im Kinderzimmer auf der Familienmatratze zwischen den Kinderbetten am Boden ein. Die Schnarchgeräusche meines vom Schnupfen geplagten Sohnes lassen mich vergessen, dass mein Mann weit weg ist. Ich schlafe ein in der gewohnten nächtlichen Geräuschkulisse. Irgendwann im Morgengrauen wache ich wieder auf.

Die Söhne kriechen schlaftrunken aus ihren Betten und sind im Halbschlaf auf der Suche nach Kuscheleinheiten. Hart prallt der Kopf von Sohn 01 auf meinen Bauch und drückt gegen meine Blase. Sohn 02 knallt seinen Betonschädel gegen meine Brust. Es ist erst 4:53 Uhr, viel zu früh zum Aufstehen. Ich verziehe mein Gesicht zu einer Grimasse (das ist nicht weiter schlimm, da es finster ist und mich niemand sehen kann) und halte den Schmerz und den Druck aus, um die Jungs nicht vollständig aufzuwecken. Das mache ich wirklich gut.

In dieser Lage und weitern fünf für mich sehr unbequemen Lagen verharren wir noch eine Stunde. Letztendlich stehen wir doch auf. Sohn 02 macht Kaffee in unserer alten Filterkaffeemaschine. Sehr gewissenhaft und äußerst langsam gibt er Löffel für Löffel Kaffeepulver in den Filterbehälter. Nach einer gefühlten Stunde ist die lasche Brühe fertig. Ich lasse mir nicht anmerken, dass der Kaffee wie Tee schmeckt und ich ihn am liebsten ausspucken würde. Schließlich steckt er täglich sein Herzblut in die Kaffeezubereitung. Ich gönne meinem Sohn sein Erfolgserlebnis. Das mache ich wirklich gut.

Nach dem gemeinsamen Frühstück, dem gemeinsamen Zusammenstellen der Krippenjause, dem gemeinsamen Zwischenstopp im Badezimmer und dem gemeinsamen Ankleiden berechne ich die Stunden, die mir an diesem Vormittag für Nicht-Gemeinsamkeit zur Verfügung stehen. Es sind sehr wenige an der Zahl, denn es ist bereits acht Uhr. Sohn 01 kann aufgrund seines geringen Alters und seiner geringen Lebenserfahrung mit meinen Überlegungen nichts anfangen und bittet mich vor der Abfahrt in die Krippe noch ein Buch zu lesen. Gemeinsam. Weil das außer der Gemeinsamkeit noch die Sprachentwicklung fördert und was weiß ich noch alles, lese ich vor. Das mache ich wirklich gut.

Schließlich machen wir uns auf den Weg. Während ich Sohn 02 hilfreiche Ratschläge für das Anziehen seiner Schuhe gebe, höre ich ein verdächtig plätscherndes Geräusch. Ich blicke in die Richtung, aus der das Geräusch kam und sehe in ein verdächtig schuldbewusst blickendes Gesicht. Es ist das Gesicht von Sohn 01. Unterhalb seines schuldbewussten Gesichtes befindet sich sein Shirt. Auf seinem Shirt befindet sich ein großer Kakaofleck. Ein ebenso großer nasser brauner Fleck klebt am Boden. Das Corpus Delicti In Form einer Kindertasse wird umklammert von der rechten Hand meines Sohnes. Sogar im Alter von drei weiß er schon, dass das Leugnen zwecklos wäre und blickt sehr schuldbewusst drein. Ich unterdrücke aufkeimende Hitzewallungen und bösartige verbale Unterstellungen und beseitige gemeinsam mit dem Sohn die Bescherung, das schmutzige Shirt und das nun leere Corpus Delicti. Das mache ich wirklich gut.

Es ist kaum zu glauben, aber wir befinden uns im Auto auf der Fahrt in die Kinderkrippe. Die Fahrt dauert exakt vier Minuten. Das ist exakt die Zeit, in der ich meinen derzeitigen Lieblingssong hören kann. Könnte. Wenn ich laut aufdrehen würde, um die Fragen meiner Söhne zu übertönen. Da aber kindliche Neugier laut Bildungsexperten nicht im Keim erstickt werden darf, beantworte ich sämtliche 24 Fragen (Warum fahrt da ein Auto? Warum ist das Auto rot? Warum bleib du stehen? Warum fahren wir? Warum schaut du? Warum schaut du so? Warum ist da ein Hund? Warum schaut der so? etc.), die mir während der 4-minütigen Autofahrt gestellt werden und versuche dabei nicht zu lügen und mir keine Unwahrheiten auszudenken. Das mache ich wirklich gut.

Kurz nach zwölf hole ich die Kinder von der Krippe ab. Kurz vor eins sind wir zuhause. Diese lange Zeitspanne kommt durch meine grenzenlose Geduld zustande. Ich passe mich dem Tempo der Kinder an und entdecke gemeinsam mit ihnen die Welt. In der Garderobe betrachten wir die Vielfalt der Schuhe und Jacken und diskutieren darüber (ein unerschöpfliches Thema). Wir blicken aus den Fenstern (aus jedem einzelnen) und beobachten Passanten. Auf dem Weg zum Auto finden wir wunderbare Würmer (Regenwürmer), wunderbare Steine (Kieselsteine) und wunderbare Blumen (Gänseblümchen). Unser Glück ist nicht mehr zu übertreffen, als ein Müllauto, ein Lastwagen und ein Traktor vorbeifahren. Und ich erkläre meinen Jungs die Welt. Das mache ich wirklich gut.

Nachmittag. Weil Kinder Kinder brauchen und dazu Bewegung und frische Luft, gehen wir zum Spielplatz. Dort sind tatsächlich Kinder, viele Kinder. Und Luft. Viel frische Luft, die uns in Form von kaltem Wind um die Ohren weht. Damit den Kindern und mir warm wird, motiviere ich sie und mich, Bewegung zu machen und mache mich vor Ein- bis Zehnjährigen zum Affen. Unfreiwillig. Mir ist nun warm und ich überlasse die Bewegung den Kindern. Damit ich mich nicht mehr lächerlich machen kann oder meine Kinder noch mehr brüskiere, steige ich aus dem Eltern-Helicopter und halte mich nun völlig im Hintergrund. Ich überlasse meine Kinder ihrem Schicksal, den Klettergerüsten und den Annäherungsversuchen der anderen Kinder. Das mache ich wirklich gut.

Auf dem Heimweg gehen wir noch in den Supermarkt. Die Söhne lieben den Supermarkt. Leider sind sie noch nicht geschäftsfähig und müssen meinen Anweisungen folgen. Wir kaufen nur langweilige Dinge wie Butter, Milch, Brot, Gurken, Nudeln, Mehl, Eier und Äpfel. Kein Hundefutter (Wir haben keinen Hund), kein Raumduftspray (Wir lüften regelmäßig) und keinen Mülleimer (Wir haben schon ein paar). Sohn 02 möchte aber unbedingt Hundefutter, Raumduftsprays und Mülleimer kaufen. Ein Wutanfall zeichnet sich ab. Bei ihm. Hitzewallungen zeichnen sich ab. Bei mir. Neugierige (Was wird sie machen?) und mitleidige (Die Arme!) Blicke zeichnen sich ab. Bei den Kunden. Ich bleibe konsequent und stelle Hundefutter, Raumduftspray und Mülleimer zurück in die Regale und beauftrage das Kind ein großes schweres Gurkenglas aus dem oberen Regal zu holen und in den Einkaufswagen zu stellen. Klassisches Ablenkmanöver. Mit stolz geschwellter Brust erfüllt das „Ich bin schon so groß“ Kind seinen Auftrag und ich wische mir den Schweiß von der Stirn als das Glas in unzerstörtem Zustand im Einkaufswagen landet. Das mache ich wirklich gut.

Wir essen zu Abend. Weil Sohn 01 „kein Baby mehr“ ist, braucht er zum Essen anstatt eines Lätzchens ein Messer. Die Erklärung leuchtet mir ein. Ich gebe ihm ein Messer, um sein Selbstvertrauen, seine Geschicklichkeit und was weiß ich noch alles zu fördern. Während er konzentriert schneidet und stolz sein Ergebnis betrachtet (dass er dabei aufs Essen vergisst, ist eine andere Geschichte) kontrolliere ich den Pflastervorrat im Badezimmerschrank. Das mache ich wirklich gut.

Abend. Wir drei befinden uns auf der Matratze im Kinderzimmer. Zwei kleine Persönchen kuscheln sich an mich. Ich liege in derselben Position wie am Morgen da. Ich unterdrücke das Verlangen aufs Klo zu gehen oder einen Schrei loszulassen, anstatt dessen gewähre ich den Söhnen ihre Kuscheleinheiten und denke über mich nach. Ich komme zu dem Schluss: Das mache ich wirklich gut. Such a perfect day. Such a perfect mother.



13 Kommentare:

  1. Dein Schreibstil ist einfach der KNALLER! Sowas von unterhaltsam! Ich habe herzlich gelacht...

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  2. Das machst du aber wirklich alles gut! Ich hoffe, wenn mein Runzelfüßchen ins Fragealter kommt werde ich mich an diesen Text erinnern! Nicht, dass ich mir Unwahrheiten ausdenke!

    Liebe Grüße,

    Andrea

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  3. So toll geschrieben!!! Wow. Danke für die Aufheiterung am Morgen!

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  4. Hut ab, was Du alles leistest. Was wir Mütter so machen, kriegt so mancher Manager nicht unter einen Hut!
    Danke für den witzigen Beitrag!

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  5. Hammer :) Wirklich genial geschrieben, habe mich köstlich amüsiert in meiner Mittagspause :) Vielen Dank und viele Grüße aus Schwerin

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  6. Toller Text, Supermom!
    Das hast Du wirklich gut gemacht! :)

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  7. Da kann man nur noch eins sagen: Weiter so, perfect mother!
    Sehr toller Artikel!

    LG,
    Anna Philippa

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  8. Bloggen. Das machst du richtig gut! :)

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  9. Na toll, was soll ich denn jetzt noch schreiben? :-))
    Nein, Scherz beiseite: ganz toller Text - hat mich wie immer sehr zum Lachen gebracht - Du kannst das einfach - das Schreiben :-)
    Liebe Grüße, Anna

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  10. Herrlich! Beneide dich im deine Blase aus Stahl;))

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  11. Ich freue mich sehr über eure tollen Kommentare!
    Das macht ihr wirklich gut ;-)

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  12. Wirklich gut geschrieben. Da geht man gleich mit einem Lächeln durch die kleinen Alltagsquerelen.

    Liebe Grüße
    Mayalia

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