Freitag, 17. Oktober 2014

Orofaziale Dysfunktionstherapie

Sohn 01 erzählt heute aus der Reihe "Babyjahre".

In der folgenden Geschichte spielt er gemeinsam mit einer Logopädin die Hauptrolle. Ich und Sohn 02 haben Nebenrollen inne. Ein Breigläschen, ein Löffelchen und ein heißgeliebter Schnuller kommen auch noch vor.

So, oder so ähnlich trug sich die Begebenheit vor mehr als zwei Jahren zu, als meine Söhne ungefähr neun Monate alt waren:

"Ich war ein Fan vom Schnuller. Mama gab sehr viel von Papa´s Geld für erstklassige Schnuller aus und rechtfertigte das mit der hervorragenden Qualität unserer Plastiksauger. Mein Bruder und ich hatten unzählige Exemplare in Grün und Blau. Grün für mich. Blau für ihn. Die Farbe war mir ziemlich egal, mir war nur wichtig, dass ich hemmungslos daran nuckeln konnte. Und das tat ich.

Aber es war nicht alles rosarot. Das Doofe an der Sache war der Speichel, der zwischen Unterlippe und Saugteil aus meinem Mund über mein Kinn rann und im besten Fall am Teppich, auf der Couch oder auf Mama´s T-Shirt landete, im schlechtesten Fall auf meinem Body und dort unangenehme nasse Flecken hinterließ. Wie ich das hasste! Und in ganz schlimmen Sekunden rutschte mir der Schnuller einfach heraus, weil meine Mundmuskulatur etwas zu schlaff war. Verflixt.

Mein Problem blieb leider auch der Ärztin im Zuge einer Entwicklungskontrolle im Krankenhaus nicht verborgen, obwohl ich mein Bestes gab und durch geschicktes Flirten alles zu verheimlichen versuchte. Sie empfahl meiner Mama einen Termin mit der Logopädin auszumachen. Diese sollte sich die Funktion meiner Mundmotorik genauer ansehen. Meine Mama vereinbarte über meinen Kopf hinweg einen Termin für mich. Was ich davon hielt, fragte sie nicht. Sie behandelte mich wie ein Baby.

Mein Bruder, der Glückliche, durfte zuhause bleiben, weil er beim Fütterversuch des bräunlich gelben Zucchini-Pastinaken Breis schon bewiesen hatte, dass er seine Lippen fest aufeinander pressen konnte. Deshalb packte meine Mama nur mich und die Wickeltasche ins Auto und er durfte ein paar Stunden mit unserer Nachbarin verbringen und sich von ihr verhätscheln lassen. Die Welt war ungerecht.

Mama erklärte mir auf der Fahrt ins Krankenhaus, dass ich wohl eine orofaziale Dysfunktionstherapie benötigten würde und war stolz auf sich, dass sie mittels Internet selbständig eine Diagnose stellen und die dazu passenden Therapieansätze finden konnte. Alles ohne Ärzte. Sie benötigte nur noch die Bestätigung der Logopädin dafür.

Ein derart komplizierter Ausdruck konnte nur Schlimmes bedeuten. Ich machte mich auf eine langwierige Untersuchung und Therapie gefasst und verlor beinahe die Fassung, als wir in die Krankenhausgarage fuhren, die ich durch unzählige Termine im Krankenhaus bereits gut kannte, aus dem Auto stiegen und uns auf den Weg in die entsprechende Abteilung machten. Ich kämpfte an gegen die Tränen, die ich in meinen Augen spürte. Diese Logopädin konnte mir gestohlen bleiben.

Die Logopädin aber schenkte mir gleich ein herzliches Lächeln und kurz darauf noch viel mehr. Sie wollte überprüfen, wie ich vom Löffel essen konnte. Weil Mama außer einem Milchfläschchen nichts zu essen für mich dabei hatte, organisierte die Logopädin (eine wunderbare Frau) ein leckeres Breigläschen. Apfel-Babykeks. So etwas Feines hätte ich von Mama nie bekommen. Kekse waren tabu. Ich umschloss den Löffel mit meinen Lippen und ließ den süßen Brei langsam in meinem Mund zergehen. Mama kontrollierte in der Zwischenzeit den Zuckergehalt auf der Zutatenliste, wackelte skeptisch mit dem Kopf und rollte die Augen.

Die Logopädin (eine liebenswerte Frau) war sehr zufrieden mit meinen Esskünsten. Ich hatte es aber auch einfach, weil der Brei viel besser schmeckte als Mama´s Zucchini-Pastinaken Brei. Gefühlvoll massierte sie mein Gesichtchen, ließ mich Grimassen schneiden und die Zunge zeigen und führte Mama vor, wie sie zuhause mit einer Gesichtsmassage meine Muskeln stimulieren konnte.

Das war alles. In ein paar Wochen sollten wir zur Kontrolle wieder kommen. Die Logopädin (eine herzensgute Frau) war überzeugt, dass bis dahin alles gut sein würde. Mama hatte wohl ein wenig übertrieben mit ihrer orofazialen Dysfunktion. Ich war sehr erleichtert, dass ich die Logopädin (diese tolle Frau) so einfach zufriedenstellen konnte, war froh, dass keine langwierige Sache daraus werden würde und bedankte mich mit einem zauberhaften Lächeln, so gut ich es eben konnte, bei ihr.

Als wir aber an der Tür standen, warf sie uns den entscheidenden Satz an den Kopf:

„Und keinen Schnuller bitte!“

Keinen Schnuller? Vor Schreck fiel mein Schnuller aus meinem Mund. Blöde Ziege! Mein entsetzter Blick sprach tausend Worte, wusste ich doch aus Erfahrung, dass Mama gerne die Ratschläge von Damen in Weiß beherzigte.

„Keinen Schnuller“ bedeutete viel Kummer und ich ließ meinen Tränen freien Lauf, als wir den Raum verließen. In Strömen rannte die salzige Flüssigkeit über meine erhitzten Wangen und ich konnte mich erst beruhigen, als ich in meinem bequemen Autositz saß, an meinem heißgeliebten Schnuller saugte und die Schaukelbewegungen der Autofahrt mich in tiefen Schlaf versetzten. Von der Logopädin (dieser Meckertante) wollte ich vorerst nichts mehr wissen.

In den folgenden Wochen reduzierte Mama meinen Schnullerkonsum enorm. Immer, wenn ich nicht aufpasste, ging sie ans Werk. Mit dummen Sprüchen lenkte sie mich ab und zog mir den Schnuller aus dem Mund. Mann, war ich sauer auf sie. Und auf diese Logodingsbums!

Ein kleiner Trost war die tägliche Gesichtsmassage, die ich von Mama bekam. Sie konnte das richtig gut und sie war richtig erfolgreich damit. Die Beweglichkeit und Kraft meiner Kiefer- und Mundmuskeln verbesserte sich enorm. Enorm, sag ich euch. So enorm, dass das Schnuller-aus-dem-Mund Spielchen, das Mama mit mir trieb, ein Ende hatte.

Letztendlich konnte ich meine Lippen so fest aufeinander pressen, dass es Mama nicht mehr gelang, mir den geliebten Schnuller zu entwenden. Zu verdanken hatte ich das der Logodingsbums, dieser WUNDERBAREN Frau."




5 Kommentare:

  1. Hahaha, selten so gelacht. Sehr schön geschrieben.

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    1. Vielen Dank!
      Ich gebe das Kompliment weiter an den Sohn ;)

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  2. Herrlich! So fügt sich eines zum anderen ;-)
    Lieben Gruß, Wiebke

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    1. Vielen Dank!
      Ja, es wendete sich alles zum Guten für ihn.
      Aber später gab es ja noch ein Problem mit der Schnullerfee ...

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  3. Das arme, arme Kind! ;)

    *vergnügtkicherndab*

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