Sonntag, 5. Oktober 2014

Frühchen - Vereint im Eltern-Kind-Zimmer (Teil 4/6)


Samstag, 10. Dezember 2011
Mein Mann und ich sitzen im Wohnzimmer. Auf dem Tisch steht ein Adventkranz mit einer brennenden Kerze. Die Nachbarin hat uns den Kranz geschenkt, er ist verziert mit zwei Paar Babystiefelchen. Unsere Babys liegen aber noch immer auf der Neonatologie. Mehr als drei Wochen ist die Geburt nun her. Mehr als drei Wochen Intensivstation liegen hinter uns.

Es geht aufwärts mit unseren Jungs. Die unzähligen Untersuchungen verlaufen überwiegend positiv. Die beiden nehmen an Gewicht zu und können ihre Körpertemperatur halten, deshalb benötigen sie kein Wärmebettchen mehr. Sohn 02 trinkt die für ihn vorgesehene Milchmenge bereits aus dem Fläschchen. Die Magensonde wurde ihm entfernt. Sohn 01 trägt wegen seiner Trinkschwäche noch immer den dünnen grünen Schlauch, der durch sein Nasenloch in den Magen führt und mit einem Pflaster in Form eines Herzchens an seiner Wange befestigt ist.





Dennoch kommen wir der Entlassung aus dem Krankenhaus mit großen Schritten näher, denn es ist geplant, dass ich am nächsten Morgen mit den Kindern in das Mutter-Kind-Zimmer auf der Neonatologie ziehe. Ich soll dort den Umgang mit meinen Kindern lernen und mich auf die Zeit zuhause vorbereiten. Ich werde von nun an rund um die Uhr mit zwei kleinen Babys zusammen sein.

Mein Mann und ich schreiben Listen über die Dinge, die wir ins Krankenhaus mitnehmen werden. Die Kinder sollen ihre persönlichen Sachen verwenden. Kleidung, Fläschchen, Schnuller. Ich packe einen Koffer für die beiden und eine kleine Tasche mit meinen Habseligkeiten.

Diesen Abend hätten wir auf Anraten der Krankenschwester eigentlich im Kino verbringen sollen. Es würde in nächster Zeit nicht mehr viele Abende zu zweit geben, meinte sie. Mein Mann und ich haben andere Prioritäten. Wir sehnen die Entlassung unserer Kinder herbei. Das Hin und Her zwischen dem Krankenhaus und unserem Zuhause ist zermürbend.

Frohen Mutes ziehe ich am Sonntag mit Sack und Pack in das Mutter-Kind-Zimmer. Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem Bett für mich und einem Gitterbettchen für beide Kinder. Die Einrichtung besteht aus Wickeltisch, Schrank, Waschbecken, Schreibtisch, Drehstuhl und einem kleinen Tischchen. An der Wand hängt ein Überwachungsmonitor. Aus dem Fenster blicke ich direkt in den angrenzenden Wald.

Die Krankenschwester bespricht mit mir den Tagesablauf und erklärt, wofür ich verantwortlich bin. Die Kinder werden nun nicht mehr im 4-Stunden-Takt gefüttert, sondern bekommen Nahrung ad libitum. Das bedeutet, dass sie Milch trinken, wenn sie danach verlangen. Dreimal täglich muss ich jedem Kind mindestens zehn Minuten vor Nahrungsaufnahme Eisentropfen verabreichen. Morgens bekommen beide Vitamin-D Tropfen.

Einmal täglich muss ich die Körpertemperatur mit einem Fieberthermometer messen, die Kinder wiegen und eine Stuhlprobe aus der Windel entnehmen. Das Wickeln, Waschen und Umziehen der Kinder obliegt mir, das versteht sich von selbst. Die Elektroden bleiben auf ihren Körpern kleben, denn die Kinder sollten, außer beim Wickeln, ständig am Überwachungsmonitor angeschlossen sein.




Ich muss eine Liste führen über die Fütterzeiten und die Menge der getrunkenen Milch, das Vorhandensein von Harn, die Menge des Stuhls, die Körpertemperatur und über das Körpergewicht. Nebenbei sollte ich möglichst viel Milch abpumpen. Das Stillen klappt leider noch immer nicht und meine Muttermilch reicht an manchen Tagen nicht mehr für alle Mahlzeiten. Meist muss ein Fläschchen mit Frühchennahrung zugefüttert werden.

Wenn ich den Raum zum Essen, Duschen oder Klo gehen verlasse, muss ich das bei den Krankenschwestern melden. Wenn ich einen Spaziergang machen möchte, ebenso. In dieser Zeit übernehmen die Schwestern die Überwachung der Kinder mittels Monitor im Schwesternbereich. Zweimal täglich findet eine Visite durch Ärzte und Schwestern statt.

Das Frühstück ist auf dem Flur vor der Intensivstation abzuholen. Das Mittagessen gibt es in der Kantine. Dort bekomme ich auch ein Lunchpaket für den Abend. Neben dem Gemeinschaftsduschraum befindet sich ein kleiner Aufenthaltsraum. Dort kann ich essen, Kaffee oder Tee kochen. Auf dem Tischchen steht ein Adventkalender. Eine Mama, deren Kind seit Oktober auf der Neonatologie liegt und dessen Entlassung noch lange nicht absehbar ist, hat sich dort ihre kleine Welt eingerichtet.

Meine kleine Welt, die mir zurechtgezimmert wurde, kostet mich alle Kraft. Ich sitze mit Sohn 01 in meinen Armen auf einem Stuhl und füttere ihn mit dem Fläschchen. Er ist so schwach und seine Mundmotorik so unausgereift, dass er bis zu eineinhalb Stunden benötigt, um etwa 30 ml Milch zu trinken. Und das ist laut Schwestern zu wenig für sein Körpergewicht, das mittlerweile fast 2 kg beträgt.

Trotzdem wird ihm am zweiten Tag nach dem Einzug ins Mutter Kind-Zimmer die Magensonde entfernt. „Er muss es einfach lernen“ heißt es. Sohn 02 trinkt besser, benötigt aber auch viel Zeit. Und dann ist Sohn 01 wieder hungrig. Ich bin rund um die Uhr mit der Pflege und Fütterung der Kinder und dem Abpumpen von Milch, das mindestens zwanzig Minuten dauert, beschäftigt und ich schlafe maximal eine Stunde am Stück.




Nach ein paar Tagen und Nächten packen mich Heulattacken. Der Schlafmangel hat ein Nervenbündel aus mir gemacht. Zum Spazieren gehen oder reden habe ich keine Kraft mehr, ich funktioniere nur. Obwohl ich eigentlich nichts wie raus will, aus diesem mittlerweile engem Raum, schaffe ich nur noch den Weg in die Kantine und in den Duschraum.

Morgens um 6:00 Uhr kommt mein Mann und bringt die Tageszeitung und Frühstück mit. Kaffee, ein frisches Brötchen, Frischkäse, Schinken, Gemüse. Er weiß, was mir schmeckt und merkt, dass ich seinen Zuspruch brauche. Nach seiner Arbeit im Büro kommt er abends noch einmal vorbei. Um die Kinder zu sehen, aber vor allem, um mich für ein paar Stunden zu unterstützen.

Aber dann bin ich wieder allein. Allein mit zwei Babys, deren Sprache ich oft nicht verstehe. Sohn 01 schreit immer wieder heftig und lange. Ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann. Nach einigen Tagen übergebe ich ihn für ein paar Stunden der Schwester. Ich will nur noch schlafen, schlafen, schlafen.

Nach sechs Tagen sind meine Energiereserven beinahe erschöpft. Ich brauche dringend eine Auszeit. Wegen der Trinkschwäche von Sohn 01 wird eine Entlassung noch nicht genehmigt. Am Samstag übernimmt mein Mann den „Dienst“ im Krankenhaus. Das ist auch für die Schwestern eine neue Situation. Im Mutter-Kind-Zimmer sind meist Mütter anzutreffen. Da ich nicht stille, darf in unserem Fall aber der Vater einziehen und funktioniert das Mutter-Kind-Zimmer zu einem Eltern-Kind-Zimmer um. Ich fahre nach Hause und schlafe. Zwischendurch pumpe ich Milch ab, die ich am Sonntag ins Krankenhaus bringe.




Mit neuer Energie übernehme ich die Betreuung der Kinder an diesem Abend wieder. Mein Mann muss schließlich am Montag wieder arbeiten. Ich bin ausgeruht und komme sehr gut über die Nacht. Am nächsten Morgen erhalten wir die Nachricht, auf die wir schon so lange warten. Am Dienstag sollen unsere Kinder nach fünf Wochen Aufenthalt auf der Neonatologie Intensivstation entlassen werden. Fünf Wochen, die geprägt waren von Hoffen, Bangen, Verzweiflung, Freude, Dankbarkeit und Demut.

Dienstag, 20. Dezember 2011
Heute werden wir MIT unseren Kindern nach Hause fahren. Ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind vor der Bescherung. Mein Herz macht Freudensprünge. Mein Mann hat den Tag freigenommen und ist bereits um acht Uhr da. Wir erledigen noch einige Formalitäten und führen ein Entlassungsgespräch mit einem Arzt. Unsere Kinder werden als gesunde Kinder aus dem Krankenhaus entlassen. Die Physiotherapie wird fortgesetzt werden, ansonsten sind sie wie reifgeborene gesunde Babys zu behandeln. Wir bekommen seitenlange Arztbriefe mit. Am Ende des Protokolls über Sohn 01 lesen wir:

Bei insgesamt guter Besserung und sehr zufriedenstellender Gewichtszunahme kann er schließlich am 20.12.2011 nach Hause entlassen werden.
Entlassungsgewicht: 2165 g
Entlassungsgröße: 46 cm
Entlassungskopfumfang: 30,5 cm
Internistisch und neurologisch unauffällig.

Im Brief von Sohn 02 steht:
Am 20.12.2011 kann er in gutem Allgemeinzustand nach Hause entlassen werden.
Entlassungsgewicht: 2500 g
Entlassungsgröße: 49 cm
Entlassungskopfumfang: 31,5 cm
Internistisch und neurologisch unauffällig.




Unauffällig verlassen wir auch das Krankenhaus. Abgesehen von der viel zu großen Kleidung in Größe 50. Keine Fahnen und Trompeten begleiten uns, aber als wir mit den beiden Maxi Cosi durch die Schiebetüre des Gebäudes gehen, schickt uns eine unbekannte ältere Dame ein „Alles Gute!“ auf den Weg mit. Es bedeutet uns sehr viel.

Vier Tage vor dem Heiligen Abend fahren wir mit unseren Kindern nach Hause. Es ist ein strahlend sonniger Wintertag ähnlich jenem Tag im November, als unsere Söhne siebeneinhalb Wochen zu früh geboren wurden.

Samstag, 24.12.2011 - Heiliger Abend
Unser erstes Familienfoto entstand auf der Neonatologie beim Känguruhen. Unser zweites Familienfoto entsteht zuhause neben dem Weihnachtsbaum. Sohn 01 in meinen Armen, Sohn 02 in den Armen meines Mannes. Daneben steht der Christbaum, geschmückt mit roten Kugeln und silbernen Sternen. Darunter liegen viele Geschenke, große und kleine. Aber die wertvollsten Geschenke halten wir in unseren Armen. Unser Weihnachtswunder wurde wahr.



Im fünften Teil (Mit der Nachsorge die Steine am Weg überwinden) werde ich von Entwicklungskontrollen, Arztbesuchen und Therapien berichten. Und leider auch von einer unerwarteten Operation.





2 Kommentare:

  1. Deine Berichte rühren mich immer zu Tränen. Einmal, weil es so emotional ist aber zum Glück ein Happy End hat und einmal, (ich hoffe das klingt jetzt nicht blöd) weil ich dankbar dafür bin, dass ich dies nicht durchlaufen musste.
    Lieben Gruß, Wiebke

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  2. Ich sitze hier mit Tränen in den Augen..... danke dass du uns teilhaben lässt....

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