Samstag, 6. September 2014

Vom frühen Vogel, vom Wurm und der goldenen Morgenstund´

In ihrem Blogpost Morgens bei uns erzählt Mia Sommer in herrlich erfrischender Weise vom ganz normalen Alltag mit Kindern am frühen Morgen.

Ihre Frage am Ende des Beitrages habe ich als Anlass für nachstehende Erzählung genommen.



***

„Ich seh´ die Türklinke ganz langsam runtergeh´n.
Ich ahne dich davor auf Zehenspitzen steh´n.
Und stillvergnügt strahlend kommst du zu mir herein.
Und tauchst den dunklen Raum in einen hellen Schein.“
(Reinhard Mey in "Zu deinem dritten Geburtstag")

***

6:03 Uhr. Ich befinde mich in einer REM Phase meines Schlafes und erwache durch das Quietschen der Schlafzimmertür. Mir gelingt es, meine Augen einen Spalt weit zu öffnen, verschwommen kann ich kleine Kinderhände erkennen, die nach dem Lichtschalter tasten. Grelle Blitze erleuchten das verdunkelte Schlafzimmer, ich kneife die Augen zusammen und ziehe die Bettdecke über mein Gesicht.

6:04 Uhr. Ein Nilpferd trampelt auf mir herum. Ich lasse es stillschweigend über mich ergehen und rolle mich unter meiner Decke zusammen. Erst sein lautes "Guten Morgen" irritiert mich, ich sehe nach und blicke auf zweimal dreizehn Kilogramm Mensch, die mein Bett zum Trampolin umfunktioniert haben. Doch kein Nilpferd. Die Söhne stürzen sich auf mich, reißen ihre Schnuller aus ihren Mündern und küssen mein Gesicht. Nun ist es feucht.

6:05 Uhr. Und ich bin wach. Hellwach. Der Mann ist das schon seit einer Stunde und hat Kaffee gemacht. Ich schleppe mich mit Sack und Pack in die Küche und bereite für mich ein Müsli aus Haferflocken, einer Banane, einem Apfel und Jogurt zu. Die Söhne wollen lieber mit dem Mann Wurstbrot und Tomaten essen.

6:12 Uhr. Ich setze mich mit Müslischale und Kaffee an den Tisch. Zum zweiten Mal an diesem Tag spüre ich unangenehme Nässe. Einer der Söhne hatte vorhin den Küchenboden geputzt. Putzen mit viel Wasser und anderen Flüssigkeiten ist schon seit langem die Lieblingsbeschäftigung der Söhne. Sie wollen mir damit eine Freude machen. Ich gehe nach oben, um meine Socken zu wechseln und entsage der Verlockung, mich noch einmal ins Bett zu legen.

6:14 Uhr. Der Geschmack des Müslis und des perfekten Kaffees entschädigen mich für die Unannehmlichkeiten. Ich bin zufrieden und werfe einen Blick in die Zeitung. Sohn 01 wirft seine Wurst auf die Zeitung und möchte wissen was der da macht, wie der da heißt, warum der da so schaut und was der da hat. Ich bin eine gute Mutter und beantworte alle Fragen.

6:24 Uhr. Mein Kaffee ist kalt. Sohn 02 will nun doch etwas vom Müsli essen. Schweren Herzens und mit schmerzenden Gliedern erhebe ich mich, hole Schüssel und Löffel für Sohnemann und gebe einen Teil ab. Ich setze mich und widme mich wieder der Zeitung.

6:29 Uhr. Der Mann hat keine Zeitung und möchte die Wochenendplanung mit mir besprechen. Das ist nicht gut. Ich kann mich zu so früher Stunde nur schwer konzentrieren.

6:30 Uhr. Sohn 02 hindert uns ohnehin daran, ein Gespräch zu führen, denn er findet keine Banane im Bananen-Apfel-Müsli. Ich helfe beim Suchen. Sohn 01 bekommt nun auch Lust auf mein Müsli. Mit Trauben. Ich hole Trauben und sicherheitshalber noch eine Banane. Die teilweise angebissenen und abgelutschten Wurstbrote bekommt der Mann.

6:35 Uhr. Nachdem ich alle Trauben-Bananen-Müsli-Wurstbrot-Wünsche befriedigt habe, darf ich mich wieder setzen. Meine Müslischale ist fast leer und ich habe noch immer Hunger.

6:41 Uhr. Der Mann geht ins Bad, die Söhne spielen im Wohnzimmer, ich schmiere heimlich Nutella auf einen Bananenrest und genieße den Augenblick.

6:42 Uhr. Während die Söhne im Wohnzimmer „was auch immer“ machen, mache ich in der Küche Ordnung.

6:59 Uhr. Ich bin fertig und sehe nach, was die Söhne treiben. Im Wohnzimmer herrscht große Unordnung. Ich komplimentiere sie aus dem Raum und schaffe Ordnung im Wohnzimmer, während die Söhne in der Küche „was auch immer“ machen.

7:06 Uhr. All das führt zu nichts und wir setzen uns erst einmal auf die Couch, um "Conni beim Frisör" zu lesen. Sohn 01 ist begeistert von der Szene, in der Julia Conni Kaugummi ins Haar klebt und möchte das auch gerne einmal ausprobieren. Leider haben wir kein Kaugummi im Haus und Sohn 01 muss weinen. Sohn 02 möchte, angestachelt durch das Conni Buch, meine Haare färben. Leider erlaube ich es ihm nicht und Sohn 02 muss weinen.

7:15 Uhr. Ich weine nicht.

7:17 Uhr. Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, schlage ich vor, Kleidung anzuziehen. Der Vorschlag wird von zwei Drittel der anwesenden Personen nicht gut geheißen. Das Ganze artet in Fangenspielen mit anschließendem Wrestling aus. Nun sind zwei Personen nackt, eine trägt Pyjama.

7:22 Uhr. Der Mann kommt schick gestylt und frisch duftend aus dem Badezimmer. Sein Hemd ist glatt gebügelt. Die Söhne stürzen sich auf ihn. Nun ist sein Hemd nicht mehr gebügelt. Das macht nichts, denn sein Gesprächspartner kann ihn beim anschießenden geschäftlichen Telefongespräch nicht sehen. Nur hören. Alles. Der Anrufer lässt Grüße an die Jungs ausrichten. In der Zwischenzeit verhandle ich intensiv mit den Kindern über die passende Kleidung. Ich mache das zum Schutze ihrer selbst, damit sie nicht wie Clowns aus dem Haus gehen. Wir schließen Kompromisse. Letztendlich steht Sohn 02 im Streber Look vor mir, während Sohn 01 den vierten Tag in Serie seine Lieblingsjogginghose trägt.

7:28 Uhr. Während ich mich im Bad erhole Während ich im Bad einen Boxenstopp von sieben Minuten einlege und dabei versuche meinen eigenen Rekord für Dusche, Frisur, Zahn- und Körperpflege zu brechen, richten der Mann und die Jungs die Brotdosen für die Krippe.

7:35 Uhr. Ich werfe einen Blick darauf und nehme mir vor, der Erzieherin mitzuteilen, dass ich die Hand dabei nicht im Spiel hatte. Ich gehe mit den Söhnen ins Bad und putze ihre Zähne halte einen Vortrag über richtige Zahnpflege und mangelnde Zahnpflege während die Kinder mit ihren Zahnbürsten den Spiegel putzen, das Waschbecken mit Wasser volllaufen lassen und Zahnpasta naschen.

7:40 Uhr. Ich putze tatsächlich die Zähne meiner Kinder. 

7:43 Uhr. Nun kann es losgehen. Die Jungs wollen Schuhe und Jacken selbst anziehen. Maria Montessori und ich unterstützen das. Ich beobachte die Kinder, während der Mann sein iPhone, seine Brille, sein Notebook, seinen Ehering und seinen Autoschlüssel sucht.

7:53 Uhr. Eine gefühlte Stunde später geht es tatsächlich los. Der Mann fährt ins Büro, die Kinder steigen bei mir ein.

7:54 Uhr. Ich lehne mich gedankenversunken in meinen Autositz zurück und sinniere über den Sinnspruch „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und darüber, ob nicht doch Michael Niavarani recht hat, wenn er meint „Der frühe Wurm hat einen Vogel.“




22 Kommentare:

  1. Hihi, besonders der 7 Uhr 15 Bericht gefällt mir sehr gut. :)

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  2. Ich hätte gerne Kinder, die morgens freiwillig aufstehen :D

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  3. Großartig! Ich wünschte mein Mann wäre morgens überhaupt da im Chaos...aber er verlässt schon um 6.00 Uhr das Haus :-) Lucky him

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    1. Hatte auch mal einen Kollegen, der immer schon vor allen anderen da war ;)
      Vater von drei Kleinkindern.

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  4. Toll geschrieben! Das nenne ich mal einen chaotischen Morgen. Oder geht das immer so bei Euch zu?
    LG Wiebke

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  5. 6:41 ...du hast nicht zufällig in meine küche geluschert, oder?
    lg
    dine

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    1. Noch nicht, liebe Dine. Aber gut zu wissen, dass du auch Vorräte hast. Und ich spreche nicht von der Banane ;)

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  6. supertoll geschrieben sind wir verwandt oder ist meine murmel mit deinen irgendwie vernetzt :)

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    1. Das muss das geheime Kindernetzwerk sein, zu dem wir Eltern keinen Zutritt haben. Die sprechen sich untereinander ab und geben sich gegenseitig Tipps ;)

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  7. jaaaa kenn ich alles zu gut!!! zur zeit hab ich viel frühschicht und mir bleibt diese tageszeit meist erspart!

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    1. Ach, sei nicht traurig, es gibt ja bestimmt noch andere "lustige" Tageszeiten ;)))

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  8. super geschrieben...ich habe 2 Mädchen...eine schule, die andere kindergarten...juhuu...da gehts früh auch rund...mein schlaf endet 5:50Uhr... werde zwar net geweckt von den mädchen, aber dafür von nem wecker...würde mich für die Kinder-weck-Variante mehr begeistern :-) naja...aber ich bin dann auch froh wenn ich wieder daheim sitze(9:00uhr) und durchatmen kann und dann das chaos beseitige...denn dafür hab ich keinen nerv so zeitig früh ;-)

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    1. Danke :)
      Zum Wecken: Eventuell kannst du dich vom Handy wecken lassen und als Klingelton Kinderstimmen programmieren ;)))

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  9. Herrlich,einfach nur herrlich.
    Wie alt sind deine Jungs?
    Liebe Grüße
    Sarah

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    1. Danke, freut mich.
      Meine Jungs werden im November drei.

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  10. Herrlich geschrieben. Bin auch Mama von 20 Monate alten Zwillingsjungs. Meine gehen aber (leider) nicht in die Krippe. Ich freu mich schon auf deinen nächsten Artikel.

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    1. Danke für dein nettes Feedback.
      Meine Jungs gehen vormittags für drei bis vier Stunden in die Krippe. Sie waren zu Beginn der Eingewöhnungszeit 22 Monate alt. Sie fühlen sich dort sehr wohl.

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  11. Wie auch schon bei "Aus dem Gröbsen raus" kann ich nur wieder sagen - wie meine Söhne!!! Danke! ; )

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    1. Vielen Dank! Es freut mich, dass dir meine Geschichten gefallen.

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