Sonntag, 14. September 2014

Frühchen - Die Zeit auf der Neonatologie (Teil 3/6)

November 2011, Universitätsklinik Graz, Neonatologie Intensivstation.

Die gläsernen Eingangstüren der Neonatologie sind mit Window Color Bildern geschmückt, wohl um die sterile Krankenhausatmosphäre ein wenig aufzulockern. Sie erinnern daran, dass auf der Intensivstation Babys liegen. Babys, die gerade mal wenige Stunden, Tage, Wochen oder Monate alt sind. Viele sind Frühchen. Unsere mit Entbindung in SSW 32+4 sind schon „spät dran", es gibt einige, die in Woche 28 oder davor geboren wurden.

Mein Mann schiebt den Rollstuhl, in dem ich sitze, den langen Gang entlang, vorbei an Intensivzimmern, in denen jeweils zwei Inkubatoren stehen. Davor sitzen Mütter und Väter in weißen Schutzmänteln, versunken in der Begegnung mit ihren Kindern oder am Liegestuhl beim Känguruhen. Die Überwachungsmonitore schlagen Alarm, wenn ein Wert unter eine bestimmte Grenze fällt. Es piepst ständig irgendwo. Meist erlischt der Alarm nach wenigen Sekunden, manchmal aber eilen Ärzte und Krankenpfleger zu einem Inkubator und müssen dem Baby helfen.

Unsere Kinder liegen seit zwei Tagen auf der Intensivstation. Verkabelt wie Hi Tech Geräte. Auch beim zweiten Zusammentreffen kämpfe ich bei diesem Anblick gegen Tränen an. Obwohl ich weiß, dass es schlimmer aussieht, als es ist. Mein Mann ist Techniker, ihn beruhigen die Elektroden an unseren Kindern und die moderne Ausstattung der Intensivstation.




Die anwesende Krankenschwester stellt sich vor, erzählt, wie die letzte Nacht der Kinder verlaufen ist und beantwortet alle Fragen ausführlich. Das gesamte Personal auf der Station ist sehr freundlich zu uns Eltern in dieser Ausnahmesituation. Ärzte stehen für Fragen und Gespräche schnell zur Verfügung. Trotzdem kann uns niemand eine Prognose stellen. Die Ärzte betonen immer wieder, dass die Babys noch im Bauch sein sollten und eigentlich erst in vielen Wochen selber atmen, trinken, verdauen und den Umwelteinflüssen ausgesetzt sein sollten. Daher ist die Hauptaufgabe der Intensivmedizin den Zustand zu überwachen und bei Bedarf umgehend zu reagieren. Eine Psychologin überreicht mir ihre Visitenkarte. Für die Eltern der frühgeborenen und kranken Babys auf der Station gibt es, wenn erwünscht, psychologische Begleitung. Ich stecke die Karte ein, für alle Fälle.

Unsere Kinder werden im 4-Stunden-Takt gepflegt und gefüttert. Zu festgelegten Uhrzeiten wickelt die Schwester sie im Inkubator. Dabei misst sie auch ihre Körpertemperatur, kontrolliert, ob Harn produziert wurde, überprüft die Menge und Konsistenz des vorhandenen Stuhls und trägt alle Daten in den Computer ein. Vor dem Füttern wird der Mageninhalt kontrolliert, dann bekommen unsere Kinder im Inkubator liegend meine abgepumpte Muttermilch. Beiden fehlt die Kraft, um aus dem Fläschchen zu saugen und so wird die gesamte Menge über die Magensonde verabreicht.




Zwei Tage nach der Geburt dürfen mein Mann und ich das erste Mal mit unseren Kindern Känguruhen. Freude und Nervosität halten sich die Waage. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Die Krankenschwester stellt für uns zwei Liegestühle zwischen die Inkubatoren. Mit routinierten Handgriffen öffnet sie die Seitenklappe des Inkubators, ordnet die Kabel und Leitungen, von denen mein Sohn umgeben ist und legt ihn mir auf den nackten Oberkörper, um uns beide anschließend in dicke Decken zu hüllen. Meinem Mann legt sie unseren zweiten Sohn auf die nackte Brust. Er bittet die Schwester, ein Foto von uns zu machen. So entsteht unser erstes Familienfoto, wenn auch unsere Kinder darauf nur zu erahnen sind.




Um uns ein kleines bisschen Privatatmosphäre zu verschaffen, verlässt die Schwester das Zimmer. Die Daten des Überwachungsmonitors werden auf ein Gerät am Gang übertragen, so weiß sie Bescheid, ob sie gebraucht wird.

Bei mir will sich keine Ruhe und Gelassenheit einstellen. Mein Sohn ist so winzig und zerbrechlich. Und er ist mir fremd. Ich weiß nicht, wie ich diesen kleinen Menschen anfassen soll, habe Sorge, dass ich versehentlich an einem der Schläuche oder der Leitungen ziehe und ihm Schmerzen zufüge. Gelegentlich piepst der Überwachungsmonitor und ich fürchte, dass mein Sohn aufhört zu atmen. Ich wage mich nicht zu bewegen. Es wäre mir lieber, die Schwester wäre da.

Stille. Nachdenken. Sorge. Auch bei meinem Mann. Er bittet mich, zu singen. Ganz leise. Singen heilt die Seele. Meine Verkrampfung löst sich allmählich. Ich spüre mein Kind. Ich bin bereit, es kennenzulernen.

Einige Tage nach der Sectio kann ich so gut gehen, dass ich die zehn Minuten Fußmarsch von meinem Krankenzimmer zur Neonatologie auch ohne meinen Mann schaffe. Er besucht die Kinder in der Früh, arbeitet vormittags im Büro und kommt am Nachmittag zum Känguruhen. Ich verbringe jede mögliche Minute mit den Kindern, singe ihnen Adventlieder vor und erzähle von zuhause.





Nach und nach werde ich vertraut mit den Vorgängen auf der Station, mit den Menschen, die hier arbeiten und vor allem mit meinen Kindern. Alle drei bis vier Stunden pumpe ich Milch ab. In der Nacht stelle ich den Wecker. Schließlich muss ich Nahrung für zwei Kinder produzieren.

Elf Tage liegen unsere Kinder in ihren Inkubatoren. Mein Mann und ich beteiligen uns intensiv an der Pflege und Fütterung. Beiden Kindern gelingt es allmählich einen kleinen Teil der vorgesehenen Milchmenge aus der Flasche zu trinken. Wir freuen uns über jeden Milliliter. Der Großteil wird noch über die Magensonde verabreicht. Wir füttern und wickeln die Kinder im Inkubator. Es ist nicht einfach wegen all der Kabel und der kleinen Türchen.





Ich gewinne immer mehr Routine bei allen Handgriffen. Wir Känguruhen jeden Tag einige Stunden und ich genieße es mittlerweile sehr. Mein Mann schläft trotz oder wegen meines Gesanges regelmäßig ein und so tanken wir in den ersten Wochen täglich Kraft beim Känguruhen.

Die Alarme, Kabel, Schläuche und Leitungen ängstigen mich nicht mehr. Die Herzchenpflaster, mit denen die Magensonden an den Wangen der Kinder befestigt sind, finde ich sogar niedlich. Mein Mann und ich sprechen täglich mit einem Arzt. Die vielen Untersuchungen verlaufen positiv, unsere Kinder wachsen, nehmen an Gewicht zu und erleiden keine großen Rückschläge. Gelbsucht und leichte Magenblutungen sind alles, wogegen angekämpft werden muss, ansonsten müssen unsere Kinder nur wachsen. Wachsen. Die Neonatologie ersetzt meinen Bauch.





Rund um die Uhr ist eine Krankenschwester für die Überwachung unserer Kinder zuständig. Zweimal täglich findet eine Visite statt. Vormittags werden Untersuchungen durchgeführt und eine Physiotherapeutin behandelt unsere Kinder mit Cranio Sacral Therapie. Bei jedem Schichtwechsel der Krankenschwestern und während der Visite müssen mein Mann und ich das Intensivzimmer verlassen. Wir sitzen oder stehen am Gang vor der Tür. An den Wänden hängen Bilder, Fotos, Fotocollagen der Kinder, die hier ihr Leben begonnen haben. Oder beendet. Jedes Kind, jeder Elternteil trägt seine eigene Geschichte. Diese Dokumentationen rühren mich zu Tränen.

An ihrem 12. Lebenstag ziehen unsere Kinder um, vom Inkubator in ein Wärmebettchen, dessen Matratze beheizbar ist. Hier liegen sie das erste Mal nach der Geburt wieder nebeneinander.





Und ich ziehe um nach Hause. Ich werde aus dem Krankenhaus entlassen. Ohne meine Kinder. In der Nähe unseres Hauses befindet sich eine Baustelle. Während meines Aufenthaltes im Krankenhaus wurden die Außenmauern des Gebäudes hochgezogen. Mir wird bewusst, dass in der Welt draußen die Zeit nicht stillgestanden hat. Und ich bin erstaunt, wie klein die Welt in den letzten zwei Wochen für mich geworden war. Es ist Anfang Dezember und mein Mann und ich zünden zuhause jeden Abend die Kerzen des Adventkranzes an, während unsere Kinder weit weg in ihrem Bettchen auf der Neonatologie liegen. Mein Mann und ich dürfen jederzeit anrufen, auch nachts, um uns nach dem Zustand der Kinder zu erkundigen.




Die tägliche Fahrt mit dem Auto ins Krankenhaus ist beinahe der einzige Berührungspunkt, den ich mit der Außenwelt habe, denn ich treffe niemanden, telefoniere wenig, schreibe aber viele Emails an Verwandte und Freunde über die Fortschritte unserer Kinder. Am Beifahrersitz befindet sich immer eine Kühltasche mit der abgepumpten Muttermilch. Für meinen Mann und mich ist es der besinnlichste Advent, den wie je hatten. Während draußen die Menschen in Vorweihnachtsstress verfallen, sitzen wir täglich viele Stunden auf der Intensivstation und versuchen unseren Kindern soviel Geborgenheit wie möglich zu geben.

Seit die Kinder nicht mehr in den Inkubatoren liegen, fällt mir die Pflege und Fütterung viel einfacher. Zum Wickeln darf ich sie auf den Wickeltisch legen, das Füttern mit dem Fläschchen am Sessel sitzend erledigen. Mein Zweitgeborener trinkt bereits eine große Menge aus dem Fläschchen und zwei Wochen nach der Geburt wird seine Magensonde entfernt. Mein Erstgeborener hat eine Trinkschwäche. Er benötigt seine Magensonde noch. Ich mache mehrmals täglich Stillversuche mit beiden Kindern. Sie schlagen fehl.

Jedes Mal, wenn ich abends das Krankenhaus verlasse, plagt mich schlechtes Gewissen. Ich will meine Kinder nicht alleine lassen, muss aber doch nach Hause, etwas essen und ein wenig schlafen. Mein Mann weckt mich nachts. Während ich Milch abpumpe, ruft er im Krankenhaus an und erkundigt sich nach den Kindern. Ein Codewort wurde vereinbart, nach dessen Nennung er Auskunft von Schwestern oder Ärzten erhält. Nur mit dem Wissen, dass es den Kindern der Situation entsprechend gut geht, können wir wieder einschlafen.




Solange eines meiner Kinder die Magensonde benötigt, ist an eine Entlassung aus dem Krankenhaus nicht zu denken. Es ist Vorweihnachtszeit. Die Schwestern schmücken die Station mit Christbaumkugeln und wir fühlen uns ein wenig geborgen. Ich denke an den Heiligen Abend und wünsche mir, dass wir ihn zuhause zu viert vor dem Christbaum verbringen dürfen.


Im nächsten Teil berichte ich über die letzte Etappe Richtung Entlassung aus dem Krankenhaus, die Zeit im Eltern-Kind-Zimmer.

7 Kommentare:

  1. Ergreifend, besonders die Bilder. Diese winzigen Beine und Arme. Und wie die Zwei auf dem einen Bild ganz eng aneinander gekuschelt daliegen. Herzerwärmend!
    Beim Lesen musste ich selber kurz an mich denken. Hab ich schonmal erzähhlt, dass ich auch ein Zwilling bin? Wir kamen nur ein wenig zu früh. Bei uns verlief also alles "glatt". Allerdings hatte mir mein Vater letztens erzählt, dass die Ärzte bei Ankunft meiner Mutter in der Entbindungsstation vorwarfen, warum sie so spät erst komme (sieh hatte bereits ein paar Stunden lang Wehen) und dass bereits ein Kind nicht mehr leben würde! Hallo?! Das wirft man doch einer werdenden Mutter nicht an den Kopf, zumal es ja überhaupt nicht richtig war. Sie hatte kurze Zeit später zwei gesunde Mädchen zur Welt gebraacht: meine Schwester und mich!
    So, genug von mir. Ich bin schon gespannt auf deine anderen Teile!
    Lieben Gruß und gute Nacht, Wiebke

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  2. Liebe Wiebke,
    dass du ein Zwilling bist, ist mir neu. Es muss für deine Mutter fürchterlich gewesen sein, zu hören, dass ein Kind nicht mehr leben würde. Unvorstellbar.
    Ich hatte großes Glück in der Klinik. Ärzte, Hebammen, Krankenschwestern, Pflegepersonal auf der Gebärstation und auf der Neonatologie waren sehr einfühlsam und haben mir den Aufenthalt um einiges erleichtert. Ich musste im ersten Lebensjahr der Kinder regelmäßig zu Therapien und Kontrollen in die Kinderklinik fahren und ich habe dieses Haus aufgrund der positiven Erfahrungen mit den Menschen dort immer gerne betreten.
    Liebe Grüße
    Paula

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  3. Dein Bericht hat mich berührt, wir sind durch eine ähnliche Situation gegangen (unser Kind kam in der 30. SSW auf die Welt). Wir verbrachten insgesamt 5 Wochen im Spital und der Spitalalltag bei uns in der Schweiz war ganz ähnlich zu Eurem. Danke!

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    1. Danke für deinen lieben Kommentar.
      Ich hoffe sehr, dass es deinem Kind nun gut geht.

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  4. Liebe Paula,
    danke für die herzergreifende Geschichte.
    Meine Jungs haben 33+0 das Licht der Welt erblickt mit fast der selben Geschichte, wie Du sie erlebt hast. Heute sind sie über 9 Jahre alt und unser ganzer stolz. Keine Defizite, keine Nachwirkungen - normale tolle Jungs.
    Ich wünsche Dir und Deinen Räubern alles Gute weiterhin.
    LG Jana und die RZ Twins

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    1. Danke für das Teilen eurer Geschichte. Damit kannst du vielen, die gerade die Anfangszeit einer Frühgeburt erleben müssen, Hoffnung machen.
      Alles Gute weiterhin!

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  5. Hey auch wir haben unseren Sohn in der 28.Woche bekommen. Zum Glück geht es Ihm echt super und wir konnten das Krankenhaus nach 7 Wochen verlassen. Da wir Probleme hatten schöne Früchenkleidung zu bekommen haben wir hierfür eine Seite ins Leben gerufen: http://mama-liebt-mich.de
    Hier bekommt Ihr günstige Frühchen Second Hand Kleidung.
    Schaut einfach mal vorbei.

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