Donnerstag, 28. August 2014

Maibaumumschneiden

Bei uns im sonnigen Süden Österreichs lebt ein seltsames Völkchen, das an seltsamen Bräuchen festhält. Hat man Kinder und lebt gemeinsam mit diesen in einem Dorf, um dessen Dorfplatz sich mindestens eine Kirche, ein Gasthaus und eine Schule reihen, erlebt man alle Traditionen hautnah mit. Ob man will oder nicht.

So auch bei uns.

Ende August lädt unsere Dorfgemeinschaft zum Maibaumumschneiden ein. Im Kleingedruckten wird das gleichzeitige Woazstriezlbrotn* angepriesen. Unsere Jungs kennen dieses Wort nicht, hören nur „Baum“ und „Umschneiden“ und wollen die Action mit der Motorsäge nicht verpassen.


* Fragen Sie in unserem Landstrich NIE jemanden, was hinter diesem Wort steckt. Sie ernten einen Blick, als hätten Sie gefragt, was die Wörter „Sonne, Himmel, Baum oder Vogel“ bedeuten. Wie können Sie nur so dumm sein? Wo kommen Sie denn her?

Ich helfe Ihnen aber gerne ein wenig: Woaz = Mais, Striezl = Kolben, brotn = braten





Der Himmel ist wolkenverhangen, die Temperaturen herbstlich. Sprühregen setzt ein, als wir das Festgelände erreichen. Wir bereiten unsere Jungs auf eine mögliche Absage des Festes vor. Irrtum. An zahlreichen Biertischen sitzen die Dorfbewohner. Sie sind wetterfest. Ein paar Regentropfen im Bierglas haben noch niemanden geschadet.

Der Maibaum erhebt sich hoch über dem Kirchturm.




Unter dem Kastanienbaum am Dorfplatz befindet sich eine Feuerstelle mit lodernden Flammen. Glücklicherweise regnet es, so können sich die nassen Äste des Baumes schwer entzünden. Die Musikanten nehmen Aufstellung, legen die mitgebrachten Instrumente erst einmal zur Seite und halten sich stattdessen an Bierkrügen und klugen Reden fest.

Der Maibaum steht regungslos im Regen.

Die Flammen der Feuerstelle weichen der Glut und mutige Männer aus dem Dorf spießen Woazstriezl mit bloßen Händen auf ausgediente Schistöcke. Wer dabei ohne Verletzung davonkommt, erntet die Bewunderung der Frauen. Die Stöcke mit den aufgespießten Striezln werden den Kindern in die Hände gedrückt. Diese setzen sich dicht ans Feuer. Zugezogene Helikopter-Eltern ziehen ihren Kindern leicht entflammbare Kleidung aus, Einheimische unterhalten sich derweil über die neuen Errungenschaften der Feuerwehr.

Der Maibaum steht in all seiner Pracht daneben.




Die Kinder sitzen mit glühenden Köpfen vor dem Feuer, atmen Rauch ein, während sie in die Flammen starren und drehen mit wirrem Blick ihre Spieße über den Holzscheiten. Die Frauen und Männer führen Gespräche über die Ernte in diesem und den letzten fünfzig Jahren. Irgendwann fällt jemanden auf, dass der Maibaum noch immer steht. Dieser wird nach ungeschriebenem Gesetz jedoch erst gefällt, wenn 1. der Bürgermeister anwesend ist, 2. die Hälfte des Biervorrates verkauft wurde und 3. der Dorfarzt sich mit seiner Motorsäge am Festgelände einfindet.

Der Maibaum steht also noch.




Die ersten Woazstriezl erhalten ihre goldbrauen Farbe, werden aus dem Feuer genommen und nach striktem Ritual für den Verzehr vorbereitet. Jeder darf seinen Striezl in einem bereitgestellten Stück Butter wälzen und anschließend salzen. Wehe dem, der sich nicht an die Reihenfolge hält.

Der Maibaum steht aber noch.



Die Musikanten lassen Tuba, Klarinette, Bassgeige, Harmonika und Trompete erst einmal am Boden ruhen und erzählen Witze aus der untersten Schublade. Zugezogene Helikopter-Eltern versuchen, ihre Kinder von den schmutzigen Worten abzulenken, indem sie mit ihnen die einwandfreie Aussprache des Wortes „Woazstriezlbrotn“ üben.

Der Maibaum steht geduldig daneben.

Die Biervorräte werden weniger, der Bürgermeister trifft ein, isst höflich seine ihm zustehende Bratwurst und hält Zwiesprache mit den Musikanten.

Der Maibaum wird nicht angerührt.

Endlich trifft der Dorfarzt ein. Den Blick prüfend nach oben gerichtet steht er am Fuße des Maibaumes. Er befindet sich in Erinnerung schwelgend, war er es doch, der im Frühjahr mit chirurgischer Präzision die kunstvollen Schnitzereien am Baum angebracht hatte

Dieses Foto wurde im Frühling beim Aufstellen des Maibaumes gemacht.
Das ist aber eine andere Geschichte.
und die Anweisungen zum Aufstellen des Maibaumes an die Dorfbevölkerung verteilt hatte. Er trägt Arbeitskleidung, seine Motorsäge hat er nicht dabei.

Der Maibaum steht also noch.

Väter, die genug Bier getrunken haben, Mütter, die zu wenig Winterkleidung mitgebracht haben und Kinder, die vom Rauch und dem starren Blick ins Feuer noch immer ganz benommen sind, verlassen nun das Festgelände und werfen beim Gehen einen zaghaften Blick zurück.

Der Maibaum steht noch.






Liebe Leser,
gerne hätte ich Ihnen die Tradition des Maibaumumschneides in unserem Landstrich näher gebracht. Leider mussten wir aber nach zwei Stunden aus oben genannten Gründen das Festgelände verlassen. Der Baum stand immer noch.

Ich kann Ihnen auch nicht sagen, ob er mittlerweile gefällt wurde, denn ich habe die Feststätte seither nicht betreten. Ich vermute aber, dass der eigentliche Grund der Zusammenkunft ohnehin nicht das Fällen des Maibaumes war. Das wurde mir aber erst im Nachhinein klar.

Ob es eine weitere Folge aus der Reihe „Brauchtum in Österreich“ geben wird, ist ungewiss. Ich muss für die nächste Veranstaltung erst Ohropax für meine Kinder auftreiben, um sie von den eigentümlichen Witzen der Musikanten zu bewahren.





0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen