Montag, 4. August 2014

Frühchen - Eine Hand voll Leben (Teil 1/6)

Zwei Wochen nach der Geburt
Natürliche Geburt. Bonding. Stillen. Glückwünsche am Wochenbett.
All das kenne ich nicht, denn ich habe meine Kinder als Frühchen auf die Welt gebracht.

Sieben Wochen und drei Tage vor Termin entband ein Ärzteteam meine beiden Jungs per Sectio. Trotz der Frühgeburt habe ich eine positive Erinnerung an diese Bauchgeburt, trotz des wochenlangen Aufenthaltes auf der Intensivstation und der damit verbundenen Tränen erinnere ich mich ohne Wehmut an die erste Zeit mit meinen Kindern zurück. Wahrscheinlich, weil letztendlich alles gut wurde.

In meiner sechsteiligen Frühchen-Serie berichte ich von unseren Erfahrungen als Eltern von frühgeborenen Kindern. Mir ist bewusst, dass man eine Geburt mit Vollendung der 32. SSW nicht mit jener von extremen Frühchen vergleichen kann und ich weiß, dass der Weg für viele Eltern ein steiniger ist. Ich möchte mit meinen Berichten nichts schönreden, trotzdem ist es mir ein Anliegen von unseren Erlebnissen zu erzählen, um jenen Mut zu machen, die vor einer ähnlichen Herausforderung stehen oder mitten drinnen stecken.


Das erwartet euch in den nächsten Monaten:

Teil 1 – Eine Hand voll Leben




Eine Hand voll Leben

Die Schwangerschaft mit meinen zweieiigen Zwillingen verläuft weitgehend komplikationslos. Das erste Trimester ist gekennzeichnet von Übelkeit, Hungerattaken und nicht enden wollender Müdigkeit. Nackenfaltenmessung und Organscreening sind in Ordnung. Meine Söhne entwickeln sich gut.

Einzig in der Fruchtblase von Sohn 01 gibt es Auffälligkeiten. Die Fruchtwassermenge liegt unter der Norm. Da dieser Umstand die Ärzte nicht besonders beunruhigt, sehe auch ich den weiteren Monaten entspannt entgegen. Ich bin beschäftigt mit dem Einkauf der Babyausstattung, dem Besuch des Geburtsvorbereitungskurses und Surfen auf der Couch.

Die Zeit dafür habe ich, denn meine Frauenärztin schickt mich bereits in der 15. SSW in Frühkarenz. Sie sieht das als notwendige Maßnahme einer Zwillingsschwangerschaft. Bei jedem Besuch bereitet sie mich auf die Möglichkeit einer Frühgeburt und den damit verbundenen Folgen vor, weil Komplikationen bei Zwillingsschwangerschaften immer wieder der Fall sind. „Wir müssen die 32. Woche vollenden“, ist ihr Standardsatz. Denn dann haben Kinder eine große Chance, sich ohne starke Beeinträchtigung zu entwickeln.

Obwohl ich ein gutes Gefühl habe, dass ich meine Kinder viel länger in meinem Bauch behalten werde, informiere ich mich über das Thema Frühgeburt. Ich sehe Bilder von Frühchen-Stationen im Internet an, lese über die Folgen von Frühgeburt und bin dankbar dafür, dass meine Schwangerschaft so gut verläuft.

Bis zu jenem Mittwoch im November, als ich frühmorgens feststelle, dass ich Fruchtwasser verliere. Ein wenig nur. Ich bin ratlos. Eine geplatzte Fruchtblase fühlt sich anders an. Vermute ich. Wir sind in SSW 32+3.

Ich bin alleine zuhause, mein Mann arbeitet bereits im Büro. Ich rufe ihn an und suche Rat. Auch er ist unschlüssig und empfiehlt, die Frauenärztin anzurufen. Nach kurzer Besprechung ist klar, ich muss mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht werden.

Die Wartezeit verbringe ich liegend auf dem Sofa. Meine liebe Nachbarin leistet mir Gesellschaft. Sie scheint aufgeregter zu sein als ich. Ich spüre keine Wehen oder andere Schmerzen und mache mir kaum Sorgen. Zwei Stunden nach dem Telefonat mit der Frauenärztin komme ich in der Klinik an. Dort erfolgt die Erstuntersuchung umgehend. Die Fruchtblase von Sohn 01, in der schon viele Wochen zuvor kaum mehr Flüssigkeit vorhanden war, war geplatzt.

Im Kreißsaal bekomme ich die erste Lungenreifespritze und Wehenhemmer verabreicht, ein Blasenkatheter wird gelegt. In der Zwischenzeit kommt mein Mann an. Erst durch die Gespräche mit den Ärzten wird uns beiden bewusst, dass die Geburt unserer Kinder schon bald stattfinden wird.

Nach ausführlichen Aufklärungen werde ich in ein Stationszimmer verlegt. Das Ziel ist, die Geburt wenigstens 48 Stunden hinauszuzögern, weil sich dadurch die Chancen deutlich erhöhen, dass durch die Verabreichung der Lungenreifespritzen die Lungen der Babys bei der Geburt besser funktionieren.

Mein Mann und ich hatten während der Schwangerschaft nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich schon beinahe acht Wochen vor errechnetem Entbindungstermin zu einer Frühgeburt kommen würde. Daran ist aber nichts zu ändern und wir wissen beide, dass wir lediglich abwarten können. Mein Mann bringt mir von zuhause die nötigsten persönlichen Sachen und fährt noch einmal ins Büro, um wichtige Arbeiten zu erledigen. Über diese Stunden helfen mir tröstende Telefongespräche mit meinen Freunden hinweg.

Ich muss im Bett liegen bleiben und werde immer wieder an das CTG zur Überwachung der Herztöne meiner Jungs angeschlossen. Das verschafft mir Sicherheit, da es keine weiteren Komplikationen gibt.

Die Nacht verläuft ruhig. Erst am nächsten Morgen werde ich nach neuerlicher Kontrolle der Herztöne umgehend in den Kreißsaal gebracht. Die Ärzte können nicht mehr mit Sicherheit sagen, dass es den Kindern gut geht, Fruchtwasser wird keines nachgebildet. So wird vereinbart, die Kinder per Sectio zu entbinden. Ich bitte die Schwester, meinen Mann zu verständigen.

Kurz vor der Operation sprechen wir mit dem Kinderarzt, der bei Frühgeburten eigens von der Kinderklinik kommt und während der OP anwesend ist. Er klärt uns über das weitere Vorgehen nach der Geburt auf.

Am Nachmittag ist es soweit. Ich bin einerseits den Tränen nahe, andererseits aber sehr dankbar dafür, dass ich meine Kinder in einem großen Krankenhaus mit angeschlossener Neonatologie und damit mit medizinisch erstklassiger Versorgung auf die Welt bringen kann.

Da es sich um eine Zwillingsfrühgeburt handelt, darf mein Mann im OP-Raum nicht dabei sein. Er muss draußen warten. Es ist uns beiden auch recht so. Die Anästhesistin spürt meine Aufregung und hält die ganze Zeit über meine Hand fest. Ein Händedruck, für den ich dieser unbekannten Frau noch lange dankbar sein werde. Auch die Hebamme spricht mir Mut zu. Mindestens zehn mir fremde Personen sind anwesend, als meine Kinder dreißig Stunden nach Verabreichung der ersten Lungenreifespritze, etwas früher als erhofft, geboren werden. Ich bin in SSW 32+4.

Um 14:44 Uhr macht mein Kleiner seinen ersten Schrei, ich bin überrascht, dass ein so winziges Bündel Mensch eine derart gewaltige Stimmkraft hat. Ich sehe meinen Sohn das erste Mal. Ein paar Sekunden, die ich nie vergessen werde. Er bekommt ein Küsschen von mir und wird in den Nebenraum zur Untersuchung gebracht. Mein Sohn wiegt 1580g.

Der Große wird als zweiter geboren. „Der will nicht“, stellt der operierende Arzt fest. Beunruhigend für mich. Was in meiner unteren Körperhälfte vor sich geht, kann ich nicht sehen. Die Atmung meines Sohnes funktioniert offenbar nicht ausreichend, anstatt eines Schreies kommt ein verzögertes klägliches Jammern. Und dann darf ich auch ihn das erste Mal sehen und kurz berühren, ein unvergesslicher Augenblick. Im Nebenraum wird er erstversorgt. Ich weiß, er ist in guten Händen. Mein Sohn wiegt 1860g. 

Dass ich meine Kinder sehen und sogar berühren durfte, bevor sie aus dem OP-Raum gebracht wurden, erzeugt ein großes Gefühl von Dankbarkeit in mir.

Mein Bauch wird zugenäht während nebenan die ersten medizinischen Maßnahmen an meinen Kindern gesetzt werden. In Lebensminute 40 bzw. 42, so lese ich es später im Geburtsprotokoll nach, werden meine Kinder im Transportinkubator auf die Neo-Intensivstation der Kinderklinik gebracht. Nach Absetzen meiner Nachwehen folgt ihnen mein Mann, ich muss auf der Gebärstation liegen bleiben.

In meinen Händen halte ich zwei Fotos von meinen Kindern und wundere mich, dass ich trotz allem glücklich bin.

Die Tränen werden erst später kommen.






Buchtipp:

Es gibt am Markt viele Bücher über frühgeborene Kinder. Eines, das wir in den ersten Wochen immer wieder zur Hand genommen haben, ist "Das Frühchen-Buch". Es klärt über die Maßnahmen auf der Neonatologie auf und beantwortet sehr verständlich viele Fragen.


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1 Kommentar:

  1. <3333 sehr ergreifend geschrieben, danke dass Du die Erfahrung mit uns teilst!

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