Freitag, 8. August 2014

Ein Plädoyer für mein Trotzkind

Trotzphase. The Terrible Twos. Gehäufte Wutausbrüche.

Die Autonomiephase des Kleinkindes hat viele Namen und wir alle kennen ihre Folgen zur Genüge. So ein kleiner Zwerg von knapp einem Meter schafft es täglich, Schweißausbrüche und Hitzewallungen in uns zu produzieren, er schafft es, miese Laune in der Familie zu erzeugen und schickt uns binnen Minuten an unsere Grenzen.

Wir Mütter und Väter rufen oft nach Hilfe und suchen Ratschläge, wie wir besser mit den Wutausbrüchen unserer Kinder umgehen können. So hat auch Mama on the rocks die Trotzphase zur Blogparade gemacht.

Nun könnte ich mich hier hinsetzen und von tausend guten Strategien erzählen, die ich irgendwo nachgelesen habe, auf kluge Bücher verweisen oder meine Erziehungstipps weitergeben. Mache ich nicht. Das können andere viel besser. Mein 08/15 Programm zur Bewältigung schwieriger Minuten ist euch sicherlich geläufig. Ich kann niemanden etwas Neues erzählen und darüber hinaus scheitere ich oft genug mit meinen Methoden.

Eines liegt mir aber am Herzen.
Ich möchte ein Plädoyer für alle Quälgeister, Nervensägen und Wutzwerge halten. Ich möchte jedes Trotzkind in Schutz nehmen und um Verständnis für seine Ausbrüche bitten. Denn ich glaube gerade dann, wenn es in Höchstform ist, vergessen wir zu oft den Grund seiner Handlung.

Das besagte Kind ist auf der Suche nach dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben.

Mir persönlich geht es gewaltig auf die Nerven, wenn mir der Mann im Restaurant empfiehlt, was ich essen soll, es ärgert mich, wenn meine Mutter mir sagt, welche Frisur ich tragen soll, ich bin enttäuscht, wenn mein Lieblingskuchen in der Bäckerei nicht mehr produziert wird und ich bin aufgebracht, wenn mir bis ins Detail erklärt wird, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe und dies nicht meinen Vorstellungen entspricht. Auch wenn andere im Recht sind oder es nur gut meinen, macht es mich wütend, wenn ich nicht selbst entscheiden und bestimmen kann. Es ist manchmal schwierig Kompromisse einzugehen.

Weil ich irgendwann gelernt habe, mit Enttäuschungen umzugehen, schlage ich in solchen Situationen meinen Kopf nicht gegen die Wand, ich brülle nicht in voller Lautstärke durch das Geschäft und ich wälze mich nicht am Boden. Ich bin verärgert, aber ich kann meinen Ärger kommunizieren und mit ihm umgehen.

Ein Kleinkind muss all das noch lernen. Und wir Mamas und Papas müssen lernen, Wutausbrüche nicht als Revolution GEGEN UNS zu sehen, sondern als einen enormen Entwicklungsschritt des Kindes. Auch wenn es uns schwer fällt und das Zusammenleben in dieser Phase sehr an unseren Kräften zehrt.





„Du kannst deinen Kindern deine Liebe geben,
nicht aber deine Gedanken. Sie haben ihre eigenen.“
Orientalische Weisheit


„Es gibt nichts Schöneres als geliebt zu werden,
geliebt um seiner
selbst willen oder vielmehr:
trotz seiner selbst.“
Victor Hugo


„Kinder brauchen Liebe –
besonders, wenn sie sie nicht verdienen.“
Henry David Thoreau



11 Kommentare:

  1. Wunderschön geschrieben! Ja, Du hast recht, wir sollten uns viel mehr Gedanken darüber machen und wieder besinnen, wie WIR uns fühlen, wenn über uns bestimmt wird. Das vergesse ich im Alltag und frage mich dann erstaunt, warum mein kleiner Engel plötzlich so wütend ist. Werde den Gedanken im Kopf behalten :-)

    AntwortenLöschen
  2. Besser als Du es beschreibst, hätte man es wohl nicht ausdrücken können! Auch wir haben so eine Terrible Two hier zu Hause, und oft vergisst man im Stress des Alltags seine Geduld :-) aber wir sollten behutsam sein und unsere Kinder beim Unabhängigwerden unterstützen, auch wenn es manchmal noch so schwer ist...

    AntwortenLöschen
  3. @Mama on the rocks @familiemotte Vielen Dank für euer Feedback. Alle Gute mit euren Mädls!
    LG Paula

    AntwortenLöschen
  4. Das ist ein wirklich guter Vergleich! Den werde ich bestimmt nicht mehr vergessen - auch nicht, wenn die Kleine wieder mal tobt .-). Es fällt mir dann HOFFENTLICH leichter, es NICHT auf mich zu beziehen, sondern ruhiger zu bleiben und es als das zu sehen, was es ist: Enttäuschung, dass es nicht so gemacht wird, wie sie es gerne möchte bzw. Wut, dass andere über ihr Leben bestimmen bzw, Frust, dass etwas halt nicht so geht, wie sie es gerne möchte. Dann SOLLTE es mir doch gelingen, so ruhig und gelassen zu sein, dass ich sie (ohne innerlich voller Ärger zu sein) liebevoll in den Arm nehmen kann.

    LG
    Petra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mir gelingt es nicht immer, aber immer öfter.
      Liebe Grüße, Paula

      Löschen
  5. "...wir Mamas und Papas müssen lernen, Wutausbrüche nicht als Revolution GEGEN UNS zu sehen, sondern als einen enormen Entwicklungsschritt des Kindes. Auch wenn es uns schwer fällt und das Zusammenleben in dieser Phase sehr an unseren Kräften zehrt."

    Weil in unserer Familie ganz aktuell, bin ich für dieses Plädoyer dankbar. Allerdings stehe ich manchmal damit ganz schön allein da. Werde gerne als Verhätschlerin verstanden. Oder als Glucke. Oder als eine, die "...dem Kind Grenzen setzen sollte, sonst lernt er es nie!". Es ist schon schwer, sich seine Einstellung und Entscheidungen vor sich selbst zu verteidigen/analysieren/etc. Aber das Gefühl zu haben, mich auch noch Dritten erklären zu müssen, ist belastend.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo zusammen,

      das Buch "Familien-Konferenz" von Thomas Gordon - wurde mir mal empfohlen, ich habe es gelesen und danach war das Leben viel leichter.
      Erklären kann man, aber rechtfertigen muß man sich dann wirklich nur noch gegenüber den Kindern und sich selbst.

      Da stellt man sich dann so Fragen -
      Wer will was? Ich will einkaufen, das Kind will spielen.
      Was ist wichtiger? Kann ich nicht einfach ein paar Nudeln kochen und Lesen, während das Kind friedlich spielt? Oder zerre ich ein widerspenstiges, quengelndes Kind in einen blöden Supermarkt?
      Packe ich Handschuhe stillschweigend ein, weil das Kind keine anziehen will, nach 5 Minuten draußen aber friert und ich sie einem dankbaren Kind einfach anziehe - oder diskutiere ich 10 Minuten mit einem KLEINkind über den Sinn oder Unsinn von Handschuhen?

      Löschen
    2. Vielen Dank für deinen Buchtipp zum Thema. Ich habe schon oft davon gehört und mir nun durch deine Anregung eine Leseprobe heruntergeladen.
      Liebe Grüße
      Paula

      Löschen
  6. Ich hoffe, dass ich diese Sichtweise verinnerlichen kann und halbwegs gelassen bleibe, jetzt wo unsere Kleinen so langsam in diese "Phase" startet. Vielen Dank für den Denkanstoß. Liebe Grüße, Antonia

    AntwortenLöschen
  7. Oh ja, ganz wunderbar geschrieben. Die Trotzphase war bisher unsere anstrengendste Phase und ich bin froh, dass es zur Zeit ruhig ist. Wenn wieder mal schwierige Phasen kommen werde ich mich daran zurück erinnern. Danke.

    Viele Grüße
    Anja von Kuddelmuddel
    http://www.familiewitz.de

    AntwortenLöschen
  8. Deine Gedanken muß ich meiner Frau zeigen, die sich da meist mehr als ich reinsteigert. Da habe ich auch schon dazu gelernt, "halt Dich raus, wenn Du nicht auch noch den Zorn deiner Frau spüren möchtest!". Unsere Kleine, nun 4 Jahre jung, schafft (bzw. schaffte) es immer wieder meine Frau und auch mich (hin und wieder) ohne Standleiter an die Decke zu bringen. Meistens liegen sich meine Frau und Sie in Sachen Mode "Was soll / darf ich anziehen?" in den Haaren. Super geschrieben, all Deine kleinen Geschichetn finde ich gut, habe mir deinen Blog markiert und freue mich schon auf die nächsten Begebenheiten. Ich mag Deinen Schreibstil, kompliment. Liebe Grüße, Bernd

    AntwortenLöschen