Dienstag, 8. Juli 2014

Sind späte Eltern die besseren Eltern?

Meine Antwort: Nein.

Top Elternblogs hat genau dieses Thema zur Blogparade gemacht. Meine Antwort ist klar. Späte Eltern sind nicht die besseren Eltern, das würde ja implizieren, dass junge Eltern, die schlechteren sind.

Mein Mann und ich sind selbst späte Eltern. Wir haben unsere Familie so spät gegründet, dass sogar die Ärztin sich dazu berufen fühlte, mein Alter in einem Arztbrief zu thematisieren und mich als „alte" Primipara betitelt hat.

Ich war achtunddreißig, als ich meine beiden Jungs auf die Welt brachte. Es war fünf Minuten vor zwölf – im übertragenen Sinn – und ich bin dankbar dafür, dass ich in diesem Alter überhaupt noch problemlos Kinder bekommen konnte.

Wie ist es überhaupt so weit gekommen, dass ich mir mit dem Kinderkriegen so lange Zeit gelassen habe?
Dass ich die Verantwortung für ein eigenes Kind erst so spät übernehmen wollte?
Dass ich die Zeit so lange verstreichen hab lassen und mein Kleiner nun behauptet, meine Stirn wäre kaputt (Drei – wirklich klitzekleine – Falten ziehen quer über meine Stirn).

Um meinem 20. Geburtstag herum war ich mit dem Auszug aus meinem Elternhaus beschäftigt und damit, endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Ich lernte die Funktion von Waschmaschine, Herd und Kühlschrank (darin können tatsächlich Lebensmittel vergammeln) näher kennen und machte in angesagten Studentenkneipen Studien darüber, wie viel Schlaf der Mensch benötigt, bevor er zur Vorlesung um acht Uhr morgens erscheint. In diesem Lebensabschnitt hatte ich für ein Kind noch keinen Platz.

Meinen 25. Geburtstag verbrachte ich mutterseelenallein am Strand von Südengland. Ich hatte mich dazu entschlossen, die Welt zu erobern und ein Jahr lang im Ausland zu arbeiten. Ich kam nur ein paar Tage vor meinem Geburtstag in England an (nicht die große Welt, aber immerhin very strange), kannte niemanden und hatte auch keinen Partner an meiner Seite. Die Ebbe legte großzügig den Blick auf die Abwasserrohre, die ins Meer führten, frei und ich philosophierte mit mir über den weiteren Weg (nicht nur dem der Abwässer, sondern vor allem über meinen Lebensweg). Der Gedanke an ein eigenes Kind war aufgrund meiner Lebensumstände nur ein flüchtiger.

Meinen 30. Geburtstag feierte ich in Wien, wo ich zu diesem Zeitpunkt lebte. Keine einzige meiner engsten Freundinnen hatte damals eigene Kinder, wir alle waren mit dem beruflichen Fortkommen beschäftigt. Das Kinderthema fand Eingang in unsere Gespräche, der Kinderwunsch begann sich zu formen. Meine kleine Nichte wurde in diesem Jahr geboren und ich konnte erahnen, wie sehr ein Kind das Leben auf den Kopf stellen kann. Ich war neugierig, wann ich für diesen Kopfstand bereit sein würde.

Dann kam mein 35. Geburtstag und irgendwann nach einem Besuch bei der Frauenärztin, die mir sehr ins Gewissen redete, erstmals der Gedanke: „Au Backe, jetzt wird´s aber Zeit.“ Und plötzlich stand ich alleine da. Mein damaliger Partner und ich trennten uns voneinander.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich erst so richtig mit dem Kinderthema auseinandersetzte, der Zeitpunkt an dem der Kinderwunsch sich in meinem Herzen festsetzte, der Zeitpunkt, an dem ich mich „reif“ dafür fühlte, die große Verantwortung für ein eigenes Kind zu übernehmen.

Und was soll ich sagen? Es hat geklappt. Wie aus dem Nichts erschien der Mann (mit ein wenig Hilfe aus dem Internet) und kurze Zeit später die zwei kleinen. Zwei Babyjungs mit einer 38-jährigen Mutter und einem 44-jährigen Vater.

Gleichzeitig trafen meine ersten körperlichen Wehwehchen ein. Ein kleines Ziepen hier, ein größeres Ziepen dort. Von freiwillig durchwachten Nächten hatte ich mich schon Jahre zuvor verabschiedet. Kurz, meine Leistungsfähigkeit begann sich nach unten zu bewegen. Ich bin nicht mehr so aktiv wie früher, nicht mehr so spontan. Ich brauche mehr Ruhepausen und die hat man bekanntlich mit kleinen Kindern kaum.

So ziehe ich mit Sack und Pack durch die Gegend, obwohl ich lieber noch fünf Minuten im Bett oder am Sofa verbringen würde, suche am Spielplatz nach der letzten freien Bank, weil der Boden doch eher ungemütlich ist und habe immer die Telefonnummer meines Osteopathen parat, wenn ich am Klettergerüst Kunststücke vorführe.

Wenn die Kinder größer sind, wenn unsere Söhne die stärksten Ausprägungen der Pubertät spüren werden, werde ich Anfang bis Mitte 50 sein, beim Abholen von der Disco Gesundheitsschuhe tragen und (hoffentlich) meine eigenen hormonellen Umstellungskrisen überwunden haben. Mein Mann wird auf die 60 zugehen, in den Ruhestand-Startlöchern stehen und seinen letzten Kopfhaaren nachtrauern. Wie viel Kraft werden wir in diesem Alter haben, Konflikte zu lösen, wie tolerant werden wir auf die Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Jugendlichen reagieren können?

Andererseits hat das Alter auch Vorteile. Ich habe viel von der Welt gesehen, muss nicht mehr überall dabei sein, begnüge mich mit einem Lese-Kuschel-Kitzel-Abend auf der Couch. Ich hatte Erfolg im Beruf, strebe nicht mehr die Karriereleiter nach oben. Ich habe eine lange Lebenserfahrung, kann manche Dinge gelassener sehen. Mein Mann und ich haben uns Wohnraum geschaffen, ein Nest für die Kinder. Durch meine Ersparnisse aus den vergangenen Jahren war ich finanziell nicht gezwungen, sofort wieder ins Berufsleben einzusteigen, sondern hatte die freie Wahl, wie ich unser Familien/Berufsleben gestalte.

Ich hatte selbst alte Eltern. Meine Mama war, wie ich, achtunddreißig Jahre alt, als sie mich zur Welt brachte, mein Vater war einundvierzig. Zur damaligen Zeit waren beide nicht alt, sondern steinalt. Und es war gut so, wie es war. Weil die Anzahl der bereits gelebten Jahre nie ausschlaggebend dafür sein kann, wie Elternschaft gelingt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das Alter meiner Eltern während meiner Kindheit jemals ein Thema für mich war, dass mir etwas gefehlt hätte oder dass ich mir jüngere Eltern gewünscht hätte.

Einzig heute bedaure ich es an manchen Tagen, dass meine Kinder ihren Opa nie kennenlernen konnten, weil er bereits acht Jahre vor ihrer Geburt verstarb oder dass der Kontakt zur Oma ein eingeschränkter ist, weil sie mit knapp achtzig Jahren die Energie für zwei kleine Kinder nicht mehr hat.


Mein Fazit:
Alte Eltern zu sein hat Vorteile.
Alte Eltern zu sein hat Nachteile.
Mein Mann und ich sind alte Eltern und es ist gut so.




6 Kommentare:

  1. Hallo Paula,
    schön, dass es trotz Trennung in den 30ern doch noch geklappt hat mit den Kindern! Du bist übrigens die erste, die aus dem Blickwinkel des Kindes, das "alte" Eltern hatte, schreibt. Somit weißt du ja aus eigener Erfahrung, dass das Altern eben nicht ausschlaggebend ist. Vielen Dank, dass du dich an meiner Blog-Parade beteiligt hast, die just zu Ende geht.
    LG Anne

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    1. Ich habe gerne mitgemacht.
      Das Thema "späte Eltern" wird für mich sicherlich noch einmal interessant werden, nämlich dann, wenn ich mich mit meinen Kindern darüber unterhalten kann und ich ihre Sichtweise dazu kennenlerne.
      LG Paula

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  2. Bei meinen ersten Kindern war ich relativ jung (25), bei meinem Jüngsten relativ alt (41). Ich muss schon sagen, dass mich die Zipperlein und die abnehmende Leistungsfähigkeit im Moment ziemlich mitnehmen. Für mein jüngstes Kind wäre ich sehr gerne 10 Jahre jünger.
    LG, Micha

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    1. Das ist interessant. Du kennst das Mama-Sein aus der Sicht der "jungen" und der "alten" Mutter und kannst für dich Vergleiche anstellen.
      Für mich ist es beruhigend zu wissen, dass die kleinen Zipperlein nicht nur mich heimsuchen. Willkommen im Club ;-)
      LG Paula

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  3. Ich würde eigentlich gerne ein drittes Kind haben, aber nach LadyGaga mit 32 und Copperfield mit 37 (also jetzt) fühle ich mich leider nicht mehr so fit, um in zwei bis drei Jahren das alles nochmals in Kauf zu nehmen. Die Müdigkeit geht mit dem Alter wirklich bis in die Knochen, leider ;-) Aber wer weiss, wer weiss...

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    1. Das kann ich verstehen. Aus diesem Grund ist auch bei uns ein drittes Kind nur Thema am Rande. Die Babysachen haben wir verschenkt oder verkauft. Aber wer weiß, wer weiß ...
      LG Paula

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