Dienstag, 22. Juli 2014

Best of Chaos - Sprechstunde bei F. Dee Fish

Ich mag keine Unordnung. Ich fühle mich nicht wohl darin.

Deshalb räume ich ständig auf und putze (alles weg, was meine Männer liegen lassen). Den lieben langen Tag. Fertig werde ich nie. Ganz besonders stark spüre ich den lästigen Drang Chaos zu beseitigen, wenn sich Gäste angemeldet haben.

Mein Mann beobachtet mich mit Kopfschütteln vom Sofa aus, wenn ich von einer Ecke in die andere laufe, schmutzige Socken, Reste vom Frühstück, dreckiges Geschirr, volle Windeln und Spielzeugberge wegräume, wenn ich mit Putzlappen und Besen durch das Haus eile, Kalk- und Seifenränder vom Waschbecken entferne, Tomatensoße vom Küchentisch wische, tote Fliegen in den Müll werfe oder Spinnennetze zerstöre. Wozu das alles? Wozu schöner wohnen? Die Gäste sollen ruhig sehen, wie wir leben. Meint er.

Ich hingegen würde mich fürchterlich schämen, würde ein Besucher im Badezimmer eine getragene Unterhose entdecken, über das Spielzeug meiner Söhne stolpern oder sich auf kalte Nudeln vom Vortag setzen. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich unser Haus blitzeblank präsentieren kann. Und so kennen meine Gäste es. Gestylt für einen Möbelkatalog.

Mein Mann meint, ich solle die Zeit doch mit sinnvollen Betätigungen verbringen. Meine Söhne zeigen kein Verständnis, wenn ich ihr Spielzeug in den dafür vorgesehen Regalen und Kisten verstaue. Vielleicht haben sie Recht? Wie schön wäre es, ganz entspannt im Chaos zu leben und Gäste darin empfangen zu können. Warum kann ich das nicht? Warum muss ich immer aufräumen? Warum muss ich meine wertvolle Zeit damit verbringen?

Ich entschließe mich, den nicht so bekannten Experten für allerlei Alltagsprobleme F. Dee Fish um Rat zu fragen und besuche ihn in seiner kostenlosen Sprechstunde.

Paula T.: Herr Fish, ich leide unter dem Bedürfnis, Gästen unser Haus in ordentlichem Zustand präsentieren zu wollen. Meine Männer haben kein Verständnis dafür, dass ich vor Eintreffen der Besucher unsere gemeinsame Zeit mit Aufräumen und Putzen verbringe. Das schadet der Familienharmonie. Was kann ich tun, um mich besser zu fühlen?

F. Dee Fish: Liebe Frau Paula, Sie haben tatsächlich ein ernstes und nicht zu unterschätzendes Problem. Das Verlangen Ordnung herzustellen kann weitreichende Folgen haben. Es beeinträchtigt nicht nur Ihr eigenes Leben, sondern kann sogar so weit führen, dass Sie Ihren Mann und Ihre Söhne in die Sache mit hineinziehen und sie möglicherweise zum Aufräumen und Putzen auffordern. Dadurch könnten Ihre Männer ebenso eine Ordnungsliebe entwickeln. Das wäre ein schwerwiegender Fehler.

Paula T.: Oh, bitte helfen Sie mir. Ich möchte natürlich nicht, dass andere Personen Schaden nehmen. Was kann ich tun, um meine Familienmitglieder zu schützen?

F. Dee Fish: Zuerst einmal müssen Sie lernen, im Dreck und im Chaos zu leben. Nehmen Sie Ihre Männer als Vorbild. Ich weiß, dass dieser Prozess ein mühsamer und der Weg ein steiniger ist. Es wird für Sie nicht einfach werden, Unordnung zu akzeptieren, aber mit meiner Hilfe können Sie Ihr Problem lösen.

Paula T.: Herr Experte Fish, was schlagen Sie vor?

F. Dee Fish: Ein erster Schritt wird sein, mit Ihren Gästen offen über chaotische Haushaltsführung zu sprechen. Sie müssen lernen zuzugeben, dass auch Ihr Haushalt zeitweise unordentlich ist. Das ist vor allem zu Beginn nicht einfach, zumal Ihre Gäste es Ihnen nicht glauben werden. Zum Beweis sollten Sie Fotos Ihrer Unordnung veröffentlichen.

Paula T.: Herr Fish, habe ich Sie richtig verstanden? Um aus der Falle zu entkommen soll ich das Chaos fotografieren und die Bilder anderen Menschen präsentieren?

F. Dee Fish: Ganz richtig, Frau Paula. Sie werden sehen, wenn Sie den ersten Schritt gewagt haben und Verständnis ernten, wird der nächste Schritt, das ist jener vom Foto zur Wirklichkeit, ein einfacher sein. Sie werden sich im Chaos wohl fühlen und werden lernen, Gäste auch im Chaos zu empfangen. Dann werden Sie wieder frei sein für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.

Paula T.: Ähm. Vielen Dank, Herr Fish. Sie haben mir beinahe geholfen.



Ich habe tatsächlich den ersten Schritt gewagt und veröffentliche bereits einen Tag nach der Sprechstunde bei Herrn F. Dee Fish mein „Best of Chaos“:



Vorher - Nachher 





Am Nachher-Foto kann man erkennen, dass ich den nächsten Schritt (alles im Chaos zu belassen) noch nicht gewagt habe. Mann und Söhne wurden jedoch vom Ordnungszwang bisher nicht befallen. Gott sei Dank.





4 Kommentare:

  1. Ach ja... der ganz normale Wahnsinn *seufz*

    Leidgeplagte Grüße vom Schäfchen ;)

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  2. DAS legt sich! Als meine beiden eingeschult waren und ich Vollzeit-berufstätig ohne Au-Pair von zu Hause aus gearbeitet habe ging es einfach nicht mehr. Auf Streit mit meinem Mann hatte ich auch keine Lust, also sind wir in Eltern-Streik getreten: Was nicht im Wäschekorb liegt, wird nicht gewaschen. Jeder räumt sein Zeug weg, oder eben nicht. Man gibt Anworten, wie: nö, jetzt nicht. ja, später. ich habe keinen Bock usw.
    Wir haben uns köstlich amüsiert, die Kinder waren die ersten Tage SEHR verwirrt und standen immer mal wieder im Büro und fragen ob alles in Ordnung sei. Wir haben nicht geschimpft, nicht gemeckert, keine Schulbücher, Schuhe, Mützen, Taschen gesucht. Sondern pädagogisch wertvolle Antworten gegeben: der Schulranzen ist wohl weggelaufen, tja dem Schuh wird langweilig gewesen sein.
    Zugegeben, die ersten Tage waren schwierig für mich und meinen Mann, aber wir hatten auch riesig Spaß daran, wie sie wie falsche Fuffziger rumgeschlichen sind und sich gewundert haben was vor sich geht. Irgendwann haben sie dann gefragt, ob man erklären könne, wie die Waschmaschine / Spülmaschine funktioniert ....
    Danach gab es nie wieder Diskussionen über Sinn oder Unsinn von Ordnung bzw. wer macht was.

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    1. Super! Toll, dass ihr die ersten Tage durchgehalten habt.
      Ich bin auch der Meinung, dass man Kindern einige Aufgaben im Haushalt übertragen sollte.
      Wir sind leider erst beim Wegräumen der eigenen Schmutzwäsche angekommen. Meine Jungs erledigen das (mit ein wenig Anleitung von mir) sehr gewissenhaft.
      ... und auch mein Mann schafft es meist ;-)

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